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Volkskunst Schweiz
Tongeschirr

Der Töpfer mit seinem Ofen, der Schmied mit seinem Amboss üben die ältesten Berufe der Welt aus, und Prometheus, der das Feuer vom Himmel stahl, müsste logischerweise ihrer beider Schutzherr sein. Aber der Himmel war Töpfer, lange bevor er Schmied war: In den meisten Schöpfungsmythen wurde der Mensch aus einem Klümpchen feuchter Erde geschaffen. Wir erfahren nicht, ob diese auch gebrannt wurde, aber jedes Mal, wenn Adam in «Tausendundeiner Nacht» erwähnt wird, wird er im Originaltext «Adam der Rote» genannt, zur Erinnerung an die Erde, aus der er entstanden ist. 31

Im pharaonischen Ägypten hielt man Vasen, Schalen, Krüge, Schüsseln für so wichtig, dass der Ausdruck «meine Töpfe» «mein Hab und Gut» bedeutete, und.. . als dreitausend Jahre später die Bettler von Hieronymus Bosch schwerfällig im Dreck tanzen und dazu ihren Krug in der Hand halten, den Löffel hinter der Hutschnur, bilden diese wenigen Habseligkeiten - wenn man das am Gürtel hängende Messer dazuzählt - ihr ganzes Besitztum. Auch heute noch muss jemand, wie gross auch immer das Ausmass der Schäden sei, die er verursacht hat - oder auch nicht - «die Scherben bezahlen». 32 Der Teil steht für das Ganze.

Der Ikonografie des 15. Jahrhunderts nach zu schliessen, wurden auf dem Bauernhof und im Schloss etwa die gleichen Töpferwaren benutzt. Das Gedeck ist denkbar einfach: einige Löffel, Krüge, eine grosse, grob getöpferte Schüssel ohne Verzierungen mitten auf dem Tisch, aus der jeder schöpft, manchmal mit den Fingern, und die man wegwirft, wenn sie schadhaft geworden ist, und am nächsten Markt ohne grosse Kosten wieder ersetzt. Man hat geschätzt, dass in Süddeutschland weniger als zwei Prozent dieser Gebrauchsproduktion auf uns gekommen ist. Das heisst, dass ein einziger gewöhnlicher, vom Herd geschwärzter Topf für eine ganze Vitrine voll Geschirr stehen müsste..., und man wüsste nicht einmal, wie ihn zu bezeichnen, da die Namen mit den Objekten verschwunden sind. 33

In der Schweiz sind die wenigen erhaltenen Stücke aus dieser Epoche nicht gerade interessant. Es sind einfarbige Krüge, zur Abdichtung mit Bleioxyd emailliert, manchmal mit geometrischen Motiven dekoriert, flache, runde Reiterfeldflaschen und einige mehrfarbige Giessfässchen, kleine mit einem Hahnen versehene Behälter über einem Becken, wo sich der Gast vor und nach dem Essen die Hände wusch. 34

Im 16. Jahrhundert werden die Schweizer Truhen und Tische mit farbigen Tonwaren geschmückt, die meist in Norditalien oder von Nürnberger Keramikern hergestellt wurden. Es dauert noch einige Zeit, bis sich diese neue Mode durchsetzt. In den Herbergen, deren Luxus upd grosszügige Ausstattung von Montaigne gerühmt werden («Voyage en Suisse» von 1580), trinkt man aus Zinn- oder Silbergefässen, isst man aus weiss lackierten Holztellern.

Wie dem auch sei, man kann, was das 16. Jahrhundert betrifft, noch nicht von bäuerlicher Keramik sprechen, und die wunderbaren Krüge von Winterthur, die im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich ausgestellt sind, wurden für die Kredenz eines Schultheissen oder für den Ehrenwein einer reichen städtischen Zunft hergestellt. Sie sind auf dem Tisch eines Bauernhauses undenkbar, selbst dort, wo es jeden Tag Fleisch gab. Die ersten Geschirrmanufakturen sind übrigens städtische, oft von Patriziern gegründete Unternehmen, aber sie liefern die Modelle, die später als Vorbild für die Volkskunst dienen werden.

So produziert Winterthur seit dem 17. Jahrhundert ausser schönen Ofenkacheln und wappenverzierten Tellern oder Platten auch Geschirr mit Blumenmotiven in einem weniger gepflegten Stil für das Land. Und dieses wird immer reicher und will bald nicht mehr von der Stadt abhängig sein.



Berner Töpferware

Vom Ende des 17. bis Mitte des 19. Jahrhunderts sieht man im Berner Emmental und im Simmental, diesen zwei «Schlaraffenländern», Bauernkeramik entstehen, blühen und schwinden, die durch Formenvielfalt, Freiheit in Farbenwahl und Dekoration in der Schweiz nicht ihresgleichen hat. Diese bezaubernde ländliche Produktion von ausgezeichneter Qualität wird bald auch als einzige über die Kantonsgrenze hinaus bekannt werden. Zu unserem Glück wurden in Familien wie in Museen Tausende von Stücken aufbewahrt, die von Temperament, Humor, Formsinn, behäbiger Gutmütigkeit und Lebensfreude zeugen, die nicht bloss bestellt, sondern sehr wahrscheinlich von Herstellern und Benutzern gleichermassen geschätzt waren. Eine Fülle und Üppigkeit, die die unsicheren Zeiten der Französischen Revolution von 1789 und der darauffolgenden Invasion kaum erschütterten, sondern im Gegenteil mit einem bisschen egalitärem Spott färbten, der sich klar in den anekdotischen und ziemlich scharfen Sprüchen auf den Tellern äussert, die in Heimberg zu Anfang des letzten Jahrhunderts getöpfert und dekoriert wurden.

Wenn man bei der chronologischen Aufzählung der datierten und datierbaren Stücke die Namen Blankenburg, Langnau, Heimberg und Bäriswil erwähnt, hat man natürlich noch nicht alles über die volkstümliche Schweizer Keramik gesagt. Es gab ausserhalb des Kantons Bern noch eine Menge von diskreteren, weniger berühmten, sehr interessanten Produktionen: die Platten, Schüsseln, Krüglein, Ofenbecken, Teller von Bonfol oder Porrentruy, deren bissige und eigensinnige Sinnsprüche den Geist des Juras ausdrücken.

Es gibt den Tessiner Boccalino, der zur Nationalform - ein Wirt, der etwas auf sich hält, wird den Merlot nicht in einer Halbliterflasche servieren - und zum Symbol des Drangs nach Süden geworden ist. Und nicht zu vergessen die Carouger Keramik, zugleich von katholisch verführerischem Reiz und Genfer Zurückhaltung, noch die von Johannes Bartholomäus Thäler (1806-1850) signierten Teller, die man in den Museen von Zürich und St. Gallen sehen kann, noch die bauchigen Suppenschüsseln und Krüge von «Vieux-Bulle» mit schwarzen Tupfen auf havannabraunem Grund, die unwiderstehlich an die japanischen «Ten-moku» erinnern.

Wenn wir hier der Berner Bauernkeramik (der schönsten und bekanntesten im ganzen Land) spezielle Aufmerksamkeit widmen, so deshalb, weil sie für Volkskunsthistoriker ein Schulbeispiel darstellt und eine kurze Untersuchung verdient. Hier sind in der Tat alle zur Entstehung einer Produktion von Volkskunstobjekten und deren Entfaltung nötigen Faktoren vereint, geografisch und zeitlich klar abgegrenzt, und bilden ein Paradebeispiel.

Das Simmental und das Emmental sind mindestens seit dem Ende des 15. Jahrhunderts reiche und gut entwickelte Mikrokulturen. Lehm findet sich praktisch an Ort; Brennholz ist genügend vorhanden und viel billiger als in der Stadt. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts besitzen viele Höfe ihren eigenen Brennofen für Gebrauchsgeschirr. Manche Dörfer haben einen Töpfer, dessen Ofen leistungsfähiger ist und dessen Produkte folglich feiner und von besserer Qualität sind. 35 Je nach Bedarf kann man ihm auch die schon zu Hause vorbereiteten Tonwaren bringen, die je nach Lehmart oder gewählter Glasur in höheren Temperaturen gebrannt werden müssen.

Diese Dezentralisation ist nicht spezifisch bernisch. In ganz Nordeuropa kann man sehen, wie die Keramikproduktion aus verschiedenen Gründen aus den städtischen Zentren in die grossen ländlichen Orte auswandert, näher zu den Lehmgruben oder dem Flussverkehr - viel billiger und sicherer als die Strasse - vor allem, weil die Löhne niedriger, das Leben und das Holz weniger teuer sind als in der Stadt und weil mit der Verbesserung des bäuerlichen Lebensstandards die lokale Nachfrage immer weiter zunimmt. Diese weite geografische Streuung zeigt sich in der Sprache durch die vielen verschiedenen Berufsbezeichnungen, wie «Hafner», «Töpfer», «Kannenbäcker». 36

Im Berner Gebrauch wäre «Hafner» eher der Hersteller von Kacheln und «Töpfer» derjenige von Geschirr, auch wenn die beiden Funktionen im Dorf oft vereint sind. Die Kacheln der grossen städtischen Manufakturen (Bern, Winterthur) sind zu kostspielig, man muss sie von zu weit her holen, sie sind mit ihren gemalten Ganymedes oder Einhörnern vielleicht zu «gelehrt» für den Geschmack der Bauern. Man wendet sich an den lokalen Töpfer, der sich auch an die Herstellung von Kacheln wagt und dabei naiv seine eigene Ikonografie schafft oder sich von einigen Modellen, Formen, Schablonen inspirieren lässt, die ein vorbeiziehender Wandergeselle in einer Manufaktur entwendet hat und gerne gegen Unterkunft, Schnaps und Essen zur Verfügung stellt. 37

Kurz, Bern folgt dem europäischen Schema: Ganz am Ende des 16. Jahrhunderts entstehen gleichzeitig in Blankenburg (Simmental) und Langnau (Emmental), später in Heimberg (Region von Thun) und Bäriswil (Emmental) eigenständige Produktionen. Natürlich werden zwischen diesen vier Zentren Moden oder Motive ausgetauscht, Dynastien entstehen, kreuzen sich, wandern mit ihrem ganzen professionellen Erbe aus, lösen sich davon, schaffen einen neuen Stil. Trotz diesen gesunden Wechselbeziehungen hat jeder dieser Töpfereiorte seinen eigenen, ziemlich leicht zu identifizierenden Stil. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ende des 18. Jahrhunderts verlassen die Familien Herman und Flückiger Langnau und lassen sich in Heimberg nieder.

Eine knappe Generation lang behalten sie Glasur und Stil ihres Herkunftsorts bei - Suppenschüsseln und Platten in fülligem ländlichem Rokoko - und gehen dann über zu einem leichteren, ganz verschiedenen Genre, nämlich zu den mit anekdotischen Themen, karikierten Personen dekorierten Tellern, oft mit einem frechen Spruch für eine bestimmte Person angefertigt. Diese Galerie von Husaren, Müllern, koketten Mädchen, alten Knackern mit Schweifhelm, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Akrobaten, Wichtigtuern, lächerlich gemachten Patriziern bildet eine Berner «Commedia dell'arte», die ebenso lustig wie für die Sittengeschichte aufschlussreich ist.

Und aus genau dieser ganzen Gesellschaft, die mit einem sehr freien und raschen Pinselstrich auf die Engobe aufgetragen wird, besteht die Kundschaft des Töpfers, die ihm ein wenig ihren Geschmack aufdrängt, der von Tal zu Tal verschieden ist. Bevor man nach Basel, Zürich, Genf, ja Lyon exportiert, gilt es, Anrichten, Tische, Buffets der Berner Bauernhäuser und Herbergen mit Geschirr auszustatten und äusserst kritische Kunden zufriedenzustellen.

Man pflegt sich oft - liebevoll - über die Berner Langsamkeit lustig zu machen. Langsamkeit beim Antworten und Sprechen vielleicht, aber wenn ein Berner Bauer eine Fläche zum Dekorieren sieht, verliert er keine Sekunde: Axteisen, Werkzeugstiele, Schlitten, Getreidesäcke, Truhen, Wiegen, Fassaden, alles dient als Vorwand für Ranken, Girlanden, Rosetten, Blumensträusse, Tiere, wunderbare, mit unbändigem Vergnügen ausgeführte Kalligrafien. Man spart an nichts, wenn es um die Dekoration des Hauses und seiner Umgebung geht; man braucht nur die Werke von Lory, Freudenberger, Anker genau anzuschauen, um deren Wichtigkeit zu ermessen.

Wenn man des weiteren die Rolle der Mahlzeiten bei körperlich und manuell Arbeitenden kennt, seien sie reich oder arm, wäre es erstaunlich, wenn nicht alles, was dazu gehört (vom schön getupften Butterplättchen bis zum «Milchkacheli» oder Weinkrüglein), ebenso gepflegt wäre wie der Rest des häuslichen Mobiliars! Sogar noch besser: Zur Zeit Gotthelfs war die Keramik das hübscheste in einem Berner Bauernhaus, dessen Verschönerung man sich etwas kosten liess.

Diese erstaunlich freie Produktion begann gegen 1720 und erfuhr während eines Jahrhunderts viele schöne Metamorphosen. Man kann ihre Sterbeurkunde um 1850 datieren, aus den gleichen Gründen, die im ganzen industrialisierten Europa dazu führten, dass Volkskunstobjekte durch Serienprodukte ersetzt und so zwangsläufig zu «Souvenirs» wurden, die wir errötend in Chicago oder Neuseeland oder im hiesigen Kitsch wiederfinden. Alles, was heute an Töpferware hergestellt wird, indem man auf alte Modelle zurückgreift, ist nur Wiederaufwärmen ohne Frische und Schwung.

Nicolas Bouvier
Ars Helvetica IX
Die visuelle Kultur der Schweiz
Volkskunst
Pro Helvetia / Desertina Verlag




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