|
home info museen galerien events künstler epochen enoteca italia maroc gayCH kochen news |
Volkskunst Schweiz Bilder auf Papier und Leder Bilder auf Papier und Leder - Diese zwei Wörter nebeneinander zu sehen, kann erstaunlich scheinen; auf Pergament, Velin, Papier wurden jedoch anonyme oder signierte Volkskunstwerke ausgeführt in vier Bereichen, in denen sie sich durch Kreativität und Originalität auszeichneten. Dazu gehören, ihrem Erscheinen nach chronologisch geordnet, Spielkarten, volkstümliche Druckgrafik, bäuerliche Kalligrafien und schliesslich Scherenschnitte. Kurzlebige Serienprodukte (Spielkarten oder Einblattdrucke), Scherenschnitte, für ein Stück Brot aus Abfallpapier gemacht, Liebes- und Taufbriefe, denen die Bauern verregnete Sonntagnachmittage widmeten. So verschieden diese Erzeugnisse auch scheinen mögen, ihrer Herstellung und Bestimmung nach sind sie alle unbestreitbar volkstümlich, nährten die kollektive Einbildungskraft und gaben Gelegenheit, ihr Talent glanzvoll zum Ausdruck zu bringen. Das sind die Gründe, warum diese Kostbarkeiten hier vereint sind. Tarock und Kartenspiele Das Kartenspiel gehört also hierher. Martial, Schiller, Nietzsche, Bergson, Huizinga haben die Bedeutung des Spiels im täglichen Leben und für unser psychisches Gleichgewicht hervorgehoben. Die Knöchelchen-, Dame-, Würfelspieler in der Antike und später die Kartenspieler waren davon schon lange überzeugt. Die französische «belote», die italienische «scopa», der englische «whist», der «Jass», der in der Schweiz problemlos die Sprachgrenzen überschreitet, und nicht zu vergessen die «Patience», Einsamkeit und Langeweile vertreibend, und die Wahrsagerei, anregend oder beruhigend, spielen eine gesellschaftliche Rolle, deren Wichtigkeit unterschätzt wird. Suchen Sie mal in der Schweiz ein Haus, in dem es keine Spielkarten gibt! Seit diese mit ihrer Doppelrolle für Wahrsagerei und Spiel, mit ihren unveränderlich scheinenden Farben, Figuren, Symbolen Europa erreicht haben, haben sie Theologen beunruhigt, Maler, Psychoanalytiker, Kunsthistoriker fasziniert und sogar Ideologen beschäftigt. Die Kirche, die darin «des Teufels Messbuch» sah, hat seit dem Mittelalter erfolglos versucht, sie zu verbieten. Die Französische Revolution und hundertvierzig Jahre später der leninistische Materialismus fielen über sie her, um daraus Könige, Königinnen, Unter oder Buben und für das Tarock Päpste, Päpstinnen, Kaiser zu vertreiben, ohne Erfolg. Viele Künstler, Derain (1880-1954), Cocteau (1889-1963), Cassandre (1901-1968) und andere entwarfen Kartenspiele, die vor allem Sammler interessierten und nie populär wurden. Das ist nicht erstaunlich. Niederlage der persönlichen Sicht gegenüber einem jahrhundertealten grafischen Code, an den Millionen von Benutzern gewöhnt sind. Wenn es ein Gebiet gibt, wo das oft erwähnte Gesetz des Konsenses gilt, dann hier. In der Volkskunst stellt die Spielkarte eine gut verteidigte Bastion dar, einen Ort, wo alte Formen erhalten bleiben, ein wesentliches Element unseres Alltags, welches elektronische Spiele nicht so bald zum Verschwinden bringen werden. Ursprung und allgemeine Merkmale Einer der besten Kenner der Geschichte der Schweizer Karten behauptet, dass sich keine Kultur dieser genialen Erfindung rühmen könne. 81 Es scheint jedoch festzustehen, dass sie aus dem Fernen Osten gekommen ist, über Persien, dann über das islamisierte Spanien und über Venedig. Ein chinesischer Text aus dem 10. Jahrhundert v. Chr. erwähnt bereits den Gebrauch von Spielkarten für Orakelbefragungen, und in dieser Funktion - in Form des Tarocks - scheinen sie um das 13. Jahrhundert den christlichen Westen erreicht zu haben. 82 Das Wort «Karte» kommt von «charta», das im 15. Jahrhundert eine undurchsichtige dicke Papiermasse (Karton) bezeichnete. Auch wenn es Ende des 14. Jahrhunderts Kartenspiele auf anderem Material gegeben hatte, so verbreiteten sie sich in Europa erst mit der Papierherstellung und dem Holzschnitt. Das ganze Spiel von sechsunddreissig, zweiundfünfzig oder zweiundsiebzig Karten (Tarock) wurde auf einen oder zwei Druckstöcke aus Hartholz geschnitten, mit der Presse auf breite Kartonbogen gedruckt, mit Schablonen oft rudimentär koloriert, dann mit der Pappschere geschnitten, indem man genau darauf achtete, dass das Format aller Karten identisch war. In dieser Technik waren die Hersteller von Spielkarten und frommen Bildchen den Druckern voraus, und ihre Erfahrung kam diesen zunutze. Die Druckstöcke entstanden in Hunderten von Arbeitsstunden und stellten eine Art Familienkapital dar, das vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde, und trugen dazu bei - so wie die Masken des japanischen No-Theaters - dass der Beruf des Kartenmachers zum dynastischen Beruf wurde. Sie wurden manchmal von mehreren Generationen gebraucht, und bei jeder Betriebsübergabe wurden die früheren Daten oder Unterschriften abgeändert. Das führte dazu, dass die Datierung der Spiele sehr schwierig ist, um so mehr, als, entgegen dem Eindruck, den man beim Betrachten bekommen könnte, in den Serien auf einem Block diejenigen Karten, die am ältesten aussehen - abgenützte Umrisse, verlaufene Druckfarbe usw. - die jüngsten sind. Die Spiele selbst sind nur datiert, wenn es sich um ein neues Modell handelt, und tragen manchmal auf einem As oder einer Figurenkarte den Namen des Herstellers. Wenn das nicht der Fall ist, kann die Zugehörigkeit ziemlich leicht durch Ähnlichkeiten des Stils festgestellt werden: Haltung der Figuren, Attribute (Szepter, Schwerter, Globus und so fort). Auf dem Gebiet der Tarock- und Spielkarten trafen und beeinflussten sich «gelehrte» Kunst und volkstümliche Grafik. Im 15. Jahrhundert liessen Patrizier und reiche Bürger über ein Thema ihrer Wahl - Hetzjagd, Mythologie, «Einzug eines Prinzen oder Kaisers» - von so bekannten Ateliers wie dem von Konrad Witz Karten zeichnen und gravieren. 83 Einige dieser Spiele sind vollständig überliefert, auch wenn sie heute auf verschiedene Museen verteilt sind. Das ist nicht der Fall bei den volkstümlichen Spielen, geläufigen Gebrauchsgütern, die man fortwarf oder zu anderen Zwecken benutzte. Die Karten französischen Stils, deren Rückseite bis Ende des 18. Jahrhunderts weiss war, dienten als Sudel- und Notizzettel. Rousseau, Voltaire und Diderot haben so Hunderte vollgekritzelt, um plötzliche Einfälle oder Schulden bei der Näherin zu notieren. Und der Ausschuss (ganze Bogen, deren Druck oder Färbung nicht genügten) wurde zum Beispiel Stickerinnen oder Spitzenklöpplerinnen billig verkauft, die diese Kartons benutzten, um darauf mit der Nadel ihre Muster einzustechen. Das Erscheinen von modernen Reproduktionstechniken wie Heliografie oder Offset, welche den Herstellern eine grössere Freiheit bei der Formen- und Farbenwahl erlaubten, veränderte das gewohnte Aussehen der Kartenspiele französischen oder schweizerischen Stils nicht. Genausowenig wie die sozialen Umwälzungen einen Einfluss auf die Hierarchie oder die Art der Figuren hatten. Es ist gesagt worden, «dass keine andere Form in der Volkskunst im Laufe der Jahrhunderte eine solche Beständigkeit im grafischen Ausdruck zeigt» 84. Das Weiterleben sehr alter Formen ist zwar zum Teil wirtschaftlichen Faktoren zuzuschreiben, kommt aber vor allem davon, dass die Spieler in fast abergläubischer Treue an den bekannten und sofort erkennbaren Figuren hängen. Kartenspiele und Tarock in der Schweiz Das Tarock (französisch «Tarot», in dem gewisse Spezialisten das Anagramm von «rota», Glücksrad, sehen), ist wahrscheinlich in ganz Europa der Spielkarte vorausgegangen. Mit seiner komplizierten Symbolik, die noch heute zu endlosen Auseinandersetzungen Anlass gibt, gehört es eher in die gelehrte Kunst. Es verbreitete sich in der Schweiz wahrscheinlich nach den Italienfeldzügen oder vielleicht sogar früher, aber wir haben keine Beweise dafür. Es war ein patrizisches Luxusobjekt, als elegante «allegorische Summa» gesehen und eher selten als Orakel, denn es genügte nicht, ein Spiel, und sei es vergoldet, zu besitzen, man musste auch noch einen Wahrsager oder eine Zigeunerin zur Hand haben, um es zu interpretieren. Auf diesem Gebiet schloss sich die Schweiz dem Rest Europas an. Die Geschichte der volkstümlichen Kartenspiele ist viel interessanter. In der Schweiz, Grenzland vor allem zweier Kulturen, wurden deutsche und französische Karten hergestellt und gebraucht, aber man entwickelte vor allem sehr früh eigene «Farben», wie man die vier Gruppen in einem Spiel nennt. Und die Schweizer fingen sehr früh an zu spielen. Man besitzt in Europa kein einziges Spiel aus dem 14. Jahrhundert, aber seine Existenz ist durch die dagegen ausgesprochenen Verbote nachgewiesen. Das erste in der Geschichte der westlichen Karten bekannte stammt von der Berner Obrigkeit 1367, es folgen ihm in ganz Europa unzählige ähnliche Vorschriften, die den Einsatz beschränken, das Spiel in Klöstern und ... während der Messe verbieten wollten. Das Tarock, ein Luxusprodukt mit beschränkter Verbreitung, rechtfertigte kaum solche juristischen Entscheide. Das heisst, dass das volkstümliche Spiel schon in Form von Leder- oder Velinkarten verbreitet war, vielleicht von den Spielern selbst auf einfachste Weise gezeichnet. Nach was für Modellen? Das bleibt ein Rätsel. Die erste Papiermühle Europas wurde 1276 in Italien in Betrieb genommen, und der erste Schweizer Papiermacher, Heinrich Albissen, beginnt die Produktion in Basel erst 1433, vor allem, um die Kanzlei des Konzils (1431 - 1449) zu beliefern, aber auch, um Kartenspiele zu drucken, deren Mode sich wie ein Lauffeuer verbreitet und bald in den Tavernen die Würfel ersetzen wird. Immer zahlreichere Papiermühlen und die Entwicklung des Holztafeldrucks lassen das Kartenspiel - zusammen mit einfachen, frommen Heiligenbildchen - zur ersten Massenproduktion der westlichen Druckgrafik werden. 85 Die ältesten Schweizer Spielkarten stammen aus Basel, tragen manchmal das Zeichen von Heinrich Albissen und sind zwischen 1450 und 1460 entstanden. Es handelt sich um unvollständige, nicht kolorierte Spiele mit weisser Rückseite. Die vier «Farben» sind Rose, Eichel, Schelle und das Schild mit einer Lilie oder einem durchgehenden Kreuz, wie man sie heute noch unverändert auf den Deutschschweizer Jasskarten sieht. Für die Eichel, ein Fruchtbarkeitssymbol, das in ganz Europa verbreitet ist, findet man leicht eine Erklärung. Die Symbolik von Rose und Schelle (des Narren?) ist unklar. Was das Schild betrifft, eine Eigenheit des Schweizer Spiels, so hat man darauf hingewiesen, dass die Eidgenossen, die für die Anerkennung ihrer Rechte mit Erfolg den europäischen Adel bekämpft hatten, «eine grosse Wappenfreudigkeit» zeigten, eine Marotte, die sich sogar auf den Kornsäcken der Bauern auslebt. 86 Im 16. Jahrhundert kommen andere Embleme auf: Schlüssel, Farn, Hut, welche Rose und Schelle ersetzen, aber nur für einige Zeit. Die archetypischen «Farben» werden den Platz, den sie heute noch haben, wieder einnehmen. Die französischen «Farben» Herz, Pik, Karo, Treff oder Kreuz finden sich zum erstenmal auf Lyoner Spielen Ende des 15. Jahrhunderts und bleiben unverändert. Man weiss nichts über ihren ursprünglichen symbolischen Sinngehalt. 87 Die ersten französischen Karten in der Schweiz wurden in Genf in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Pierre Ameau (gestorben 1552) gedruckt, in sehr gepflegter Ausführung, die wahrscheinlich den Zorn Calvins erregte. Ameau wurde nämlich 1546 dazu verurteilt, die Stadt im Hemd zu durchlaufen, um öffentlich Abbitte zu leisten. Calvinistische Strenge wird in den reformierten Kantonen über die Kartenfabrikation herfallen und sie zu langem Stillstand verdammen, und während des ganzen 17. Jahrhunderts wird die Nachfrage des Schweizer Markts durch die Kartenhersteller von Epinal (Frankreich) gedeckt. Im 18. Jahrhundert brillante Wiedergeburt der Karten beider Stile in Mümliswil (Solothurn). Solothurn ist der Sitz der französischen Botschaft, und die französischen Karten sind aus verschiedenen Gründen daran, Europa zu erobern. In der Schweiz werden sie in Solothurn, in Bern, dessen Patriziat französisch spricht 88, Graubünden, das durch die fremden Solddienste den Bourbonen verbunden ist, und natürlich in der französischsprachigen Schweiz übernommen. Das Ansehen von Versailles half dabei - wie bei der Kleidermode - und die Anwesenheit der Königinnen, die in andern europäischen Spielen nicht vorkommen, trägt ihm die Gunst der Damen ein. Aber vor allem ist das französische Spiel mit den zwei Farben Schwarz und Rot (gegen drei im schweizerischen) viel billiger. Auf der einfachsten Art von Spielen sind die Zahlkarten nicht einmal gedruckt, sondern nur mit Karton- oder Zinkschablonen flüchtig draufgemalt. Ende des 18. Jahrhunderts symbolisieren diese so beliebten Königinnen oder Heldinnen Tugenden: Judith die Frömmigkeit, Pallas die Weisheit, Rachel die Schönheit, Argine die Geburt. Die Könige stellen die Kulturen dar, denen sich der Westen damals verpflichtet fühlte: David die jüdische Nation, Alexander Griechenland, Cäsar Rom und Karl der Grosse das Heilige Römische Reich. Die Revolution wird Voltaire zum Pikkönig und Rousseau zum Herzkönig machen. Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts siedelt die Kartenindustrie von Mümliswil nach Schaffhausen über, wo sie noch heute fest etabliert ist. Zur gleichen Zeit ersteht sie in der welschen Schweiz wieder, zum Teil dank französischen Handwerkern, die von Lyon, aus dem Burgund oder der Auvergne gekommen waren, um den Schikanen und vielleicht den Bussen des französischen Spielregals zu entrinnen. Seit der Regentschaft Philipps von Orleans wurden die Spiele von der Finanzkontrolle mit einer Steuer belegt. 1751 wird die Überwachung drakonisch. Der Druckstock mit den Figurenkarten und dem As wird bei der Spielverwaltung deponiert, und die Kartenmacher müssen den Druck ihrer Karten unter Kontrolle und unter Bezahlung einer Taxe beenden und sie abstempeln lassen. Vielleicht ist das der Grund, warum Claude Burdel 1754 Dijon verlässt und sich in Freiburg niederlässt, wo seine Familie während dreier Generationen Lyoner Karten herstellt, und warum zur gleichen Zeit die Dynastie der Rochias (1752-1851) von Thiers sich in Saint-Sulpice (Neuenburg) niederlässt. Im Waadtland hatte die Familie Vachet während sechzig Jahren sozusagen das Monopol dieser Produktion, bis 1812 eine Steuer nach französischem System eingeführt wurde, die ihr Ende bedeutete. In Genf beherrschen zwischen 1800 und i880 Johann Georg, dann François Gassmann aus Luzern den Markt und nehmen gegen 1850 das Pariser Bild mit doppelköpfigen Figuren wieder auf, deren erstes französisches Modell von 1827 stammt. Die Spieler hängen jedoch so an den traditionellen, ganzen Figuren, dass die neue Darstellung trotz diesem Versuch und all den folgenden der Schaffhauser Kartenfabrikanten, die am Ende des Jahrhunderts uneingeschränkt die Schweizer Kartenherstellung dominieren, erst nach dem Ersten Weltkrieg populär wird. Fantasiekarten Die Schweiz stellt nicht nur Karten her, sondern wird mit der im 19. Jahrhundert kulminierenden «Schweizer Mode» selbst zum Thema vieler Spiele, die man eher als Souvenirartikel denn als Mittel zu gemeinschaftlichem Zeitvertreib ansehen kann. Das Land erscheint darin auf alle möglichen Arten: Geografie (ein Nürnberger Spiel von 1678), später Geschichte (Helden und Schlachten), Topografie (Ansichten von berühmten Städten oder Landschaften) und vor allem Folklore (Schweizer Trachten). Die pädagogische Absicht ist klar und in diesem Land nicht erstaunlich, aber diese Spiele sollen nach 185o auch ein vom Bürgerkrieg des Sonderbunds erschüttertes Nationalbewusstsein stärken. Am zahlreichsten sind solche mit Trachtendarstellungen, die sich oft unbeholfen an Reinhart, König oder deren Epigonen anlehnen und vor allem die Nachfrage immer kauflustigerer Touristen befriedigen. Nicolas Bouvier Ars Helvetica IX Die visuelle Kultur der Schweiz Volkskunst Pro Helvetia / Desertina Verlag |