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Zeichen der Freiheit

Das Bild der Republik in der Kunst des 16. bis 20. Jahrhunderts

Das Thema «Zeichen der Freiheit» geniesst heute eine unbestrittene Aktualität. Wie aber steht es mit dem Thema «Republik»? Den Künstlern scheint dieses Thema fernzustehen. Wir hatten Mühe, Namen von Künstlern zu finden, denen die politische Freiheit ein zentrales Anliegen ist. Die Kunst scheint heute mehrheitlich ihre eigenen «globalen» Wege zu gehen und verlacht oder missachtet das Ringen um eine weltweite Republik autonomer gesellschaftlicher Organismen. Das Stelldichein auf internationalen Ausstellungen und Kunstmessen gilt mehr als die republikanische Selbstverwirklichung partikularer Schichten und Regionen und ihre Herausforderung. Die Massenmedien führen - wie es ihr Name besagt - zu einer Vermassung anstatt zu einer Differenzierung, zu einer Nivellierung und Vereinheitlichung der Kultur anstatt zu einem vertieften Verständnis und zur Anerkennung von Unterschieden. So stellt die Ausstellung letztlich die Frage, ob die Erdbevölkerung in Zukunft eine grenzenlos in sich kommunizierende Weltmasse darstelle oder ob sie sich in einzelne, profilierte «Republiken» gliedert, die in ihrer Gesamtheit einen weltweiten Bund von Einzelrepubliken bildet.

Die XXI. Kunstausstellung des Europarates ist die erste, die in der Schweiz zur Durchführung kommt. Das Bestreben, in den jeweiligen Ländern ein Thema, das der Geschichte ihrer eigenen Kunst entspricht, zur Darstellung zu bringen und zugleich die nationale Teilhabe an der Geschichte der gesamteuropäischen Kunst aufzuzeigen, führte in unserem Lande zunächst zum Thema «Das Bild der Republik». Dieses ist vom Europarat 1986 genehmigt worden. Die Durchführung wurde auf 1991 festgesetzt, somit auf das Jahr, in dem die Schweizerische Eidgenossenschaft ihr 700jähriges Bestehen seit dem angeblich 1291 auf dem Rütli geschlossenen Bund der drei Waldstätte feiert. Für die Durchführung der Ausstellung wählte der Bundesrat die Bundesstadt Bern.

Quelle: Dr. Hans Christoph von Tavel
Zeichen der Freiheit
Auszug Vorwort
21. Kunstausstellung des Europarates 1991
Bernisches Historisches Museum und Kunstmuseum Bern




Die alte Eidgenossenschaft
Die Situation der Maler und Bildhauer war in der Schweiz schwierig. Die Betonung der korporativen Freiheiten verhinderte die Ausprägung einer individuellen Freiheit des Künstlers, dem kein eigener Freiraum zugestanden wurde. Es fehlten auch die grossen Auftraggeber, die kontinuierlich eine Schar von Künstlern mit hohen Ambitionen hätten ernähren können. So finden wir immer wieder bedeutende Schweizer Maler, die ausserhalb der Schweiz zu Ruhm und Ehre kamen. Auf der anderen Seite mussten schweizerische Auftraggeber ausländische Künstler berufen, wenn ausserordentliche Projekte realisiert werden sollten. Konnten sich Malerei und Bildhauerei in den schweizerischen Orten nicht zu ähnlicher Blüte entwickeln, wie in anderen Ländern, so bot doch gerade die einzigartige politische Situation für andere künstlerische Arbeiten einen hervorragenden Boden. Die Goldschmiedekunst und die Glasmalerei entwickelten sich hier im 16. und 17. Jahrhundert zu einer bemerkenswerten Blüte. Die Zünfte und Korporationen fanden hier die ihnen adäquate Form der Selbstdarstellung und förderten diese Künste, die fest im städtisch-handwerklichen Leben verankert waren.
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Republik - Demokratie - Freiheit
Regierungsformen, Sozialstrukturen und politische Konzepte

Republik kommt von «res publica», «der öffentliche Bereich», und bedeutet ursprünglich den Staat und seine Funktionen. Seit der Renaissance aber wird dieser Begriff immer ausschliesslicher auf Staaten ohne monarchische Spitze bezogen, Staaten, wo entweder eine Gruppe - die Aristokratie - oder das ganze Volk - die Demokratie - regiert.
Demokratie bedeutet «Herrschaft des Volkes». Der Begriff wird schon in der griechischen Antike verwendet und im Humanismus auf solche Staaten bezogen, in denen alle, die im Besitz des Bürgerrechtes sind, als Volksversammlung den letzten Entscheid innehaben. Demokratie bedeutet auch politische Gleichheit der Bürger. In der Realität ergibt sich meistens eine Mischform von Demokratie und Aristokratie. Aristokratie bedeutet «Herrschaft der Besten», das heisst in der Regel der Besitzenden und der Gebildeten. Sie sind die Klasse, die in den entscheidenden politischen Gremien dominiert. Jede Staatsform hat nach klassischer Definition auch ihre Entartungsform. Die Monarchie kann zur Despotie, zur Tyrannis werden, zur Alleinherrschaft des emporgekommenen Machthabers. Die Aristokratie kann zur Oligarchie, zur Herrschaft der Wenigen, das heisst einer bestimmten Sondergruppe, werden oder auch zur Plutokratie, der Herrschaft der «Reichen», der wirtschaftlich Mächtigen.
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Rathäuser und Regierungspaläste - Die Architektur als Hauptinstrument republikanischer Selbstdarstellung in Europa und Nordamerika vom 16. zum 20. Jahrhundert
In den europäischen Stadtrepubliken seit dem späten Mittelalter waren die monumentalen Profanbauten der Rathäuser die politischen Zentren, während die Kirchen die sakralen Mittelpunkte darstellten; gemeinsam setzten sie die dominanten Akzente im jeweiligen Stadtbild, wobei jede der Stadtrepubliken ihr Rathaus an möglichst prominenter Stelle errichtete. Das Gebäude des Rathauses war somit der Architektur gewordene Ausdruck der politischen Struktur des Gemeinwesens und seines Selbstverständnisses. Es war das Kennzeichen der Freiheit in der Republik bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, dass sie auf gerechten Gesetzen beruhte, die sich freie Bürger selbst gaben; dem lag ein Freiheitsbegriff zugrunde, der für den Einzelnen als politische Berechtigung innerhalb des Gemeinwesens, für den Freistaat insgesamt dagegen als Souveränität nach aussen in Erscheinung trat.
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Die Demokratie zwischen Vorbildern und Zerrbildern
Demokratie gilt heute als ein politischer Zustand, mit dem jede nationale Geschichte ihr endgültiges Ziel und ihre Erfüllung gefunden hat. Jahrhundertelang jedoch war für das politische Denken Demokratie eine bedenkliche Staatsverfassung. Auch nach der Französischen Revolution war sie für Wieland «die schlechteste aller Regierungsarten» oder für Fichte «eine schlechthin rechtswidrige Verfassung».1 In der dritten Auflage des liberalen Meyerschen Konversations-Lexikons konnte es 1875 heissen, es sei «nicht zu verkennen, dass in dem europäischen Staatsleben das monarchische Princip zu fest gewurzelt ist, als dass die Demokratie hier auf die Dauer Boden gewinnen könnte». Es ist also eine junge Errungenschaft, wenn heute Demokratie als ein Telos der Geschichte erscheint, als eine fast naturnotwendige Form des politischen und sozialen Lebens. Haben Bilder dazu beigetragen, der Demokratie diesen hervorragenden, definitiven Stellenwert in der europäischen Bewusstseinsgeschichte zu erobern?
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Gesichter der Republik
Derselbe Zug einer bürgerlichen Förmlichkeit unter republikanischer Verfassung, wie sie sich so eindrucksvoll in Ter Borchs Gemälde Die Bürgermeister von Deventer ausdrückt, findet sich in dem faszinierenden seltenen Fall eines Schweizer Gruppenporträts, der Bibliothekskommission von Bern, das die Amtsträger von 1696/97 zeigt. Sie sind um einen Tisch versammelt, in schlichter schwarzer Tracht, umgeben von den gefüllten Bücherschränken, an denen sich Bibliothekare zu schaffen machen, und von einer Folge strenger Porträts, die wie in der Sala del Maggior Consiglio des Dogenpalastes unmittelbar unter der Decke einen Fries bilden; die Herren der Bibliothekskommission, bestehend aus Mitgliedern des Kleinen und des Grossen Rats sowie Professoren der Akademie, werden in ihrer gemeinsamen Arbeit erfasst - ein Vorbild und Beispiel republikanischer Tugenden.
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Die funkelnden Farben der Freiheit: zu einem schillernden Begriff in Historiographie und Kunsttheorie
Hier sind nur einige Fäden im unübersichtlichen Geflecht von Kunst, Politik, Geschichte und Theorie angedeutet worden; Fäden die sich anders ziehen oder auch völlig leugnen lassen. So kann man von Kant auch über Schopenhauer und Freud bis zur Befreiung in künstlerischer Therapie, von Hegel über Marx bis zur Rechtfertigung des sozialistischen Realismus oder von Schelling und Tieck bis zu den Experimenten von Dadaismus oder Surrealismus historische Entwicklungslinien der Freiheit ziehen. Andererseits kann man die «befreienden» Forderungen nach Modernität oder Autonomie der Kunst als sozial und historisch bedingte Konzepte entlarven oder auf die negativen Folgen der Freiheit für die Kunst hinweisen, die man ganz nach eigenen Bedürfnissen, sowohl in der künstlerischen Qualität wie der sozialen Situation des nicht mehr gebundenen Künstlers erkennen kann. Am ehesten noch, so scheint mir, lässt sich dabei eine historische Linie der Befreiung vom Künstler über den Betrachter bis zum Interpreten denken.
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Das Zeitalter der Revolutionen
Auf dem Hintergrund einer rasch wachsenden Bevölkerung, der Industrialisierung und der Erschliessung globaler Wirtschaftsräume gewann die Suche nach neuen staatlichen Identitäten in Europa und den beiden Hälften Amerikas ihre Brisanz. Die alten Staaten und Obrigkeiten mit ihren feudalen und agrarischen Grundlagen konnten mit den Herausforderungen der industriellen Revolution, der sozialen Umschichtungen, der fortschreitenden Urbanisierung und den damit verbundenen Problemkreisen nicht fertig werden. Der Wandel zum modernen und effizienten Verwaltungsstaat war vorgezeichnet, doch wie ein solcher Wandel geschehen konnte, war unabsehbar. Unabhängig von den Staatsformen trat immer mehr die Identifikation mit der Nation an die Stelle der althergebrachten Loyalität zur Obrigkeit. Der Nationalismus wurde zum eigentlichen Motor der Politik im r 9. Jahrhundert. Die Philosophen der Aufklärung hatten grosszügigere Utopien entworfen: die Verbrüderung der gesamten Menschheit schien ihnen die logische Folge der Umgestaltung der Gesellschaft auf den Prinzipien der Menschenrechte. Dies schloss zwar den Patriotismus nicht aus, doch schien es ihnen undenkbar, ihn mit dem Hass auf andere Völker in Verbindung zu bringen. Wie ein Krebsübel erfasste mit den Revolutionen und Gegenrevolutionen der Nationalismus die Völker Europas und zerstörte die Hoffnungen auf eine neue, gerechte und freie Gesellschaftsordnung. Das Ausgeliefertsein des Einzelnen vor den grossen Veränderungen in der Wirtschaft und der Gesellschaft förderte die Suche nach vermeintlich Schuldigen, liess Ideologien ihren freien Lauf, die das Heil in einem neuen Wir-Bewusstsein versprachen, auch wenn sie sich immer weiter von den Idealen der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit entfernten.
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Die Republik Bern
Im Verlauf des Spätmittelalters hatte die Stadt Bern ein umfangreiches Territorium erworben. Durch Kauf, Erbschaft und Eroberung war es ihr gelungen, zum wichtigsten Machtfaktor im westlichen Mittelland zwischen dem Aargau und dem Genfersee zu werden. In seinen Kämpfen gegen Habsburg, Burgund und Savoyen konnte Bern die konkurrierenden Territorialherren verdrängen. Bern bildete so in der frühen Neuzeit den grössten Stadtstaat nördlich der Alpen.
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Der Berner Ratssaal
Unter den öffentlichen Bauten, die im alten Bern das Stadtbild akzentuieren und den Stadtraum strukturieren, nimmt das Rathaus eine hervorragende Stelle ein, denn es bildet das profane Gegenstück zur Münsterkirche. Die Unabhängigkeit der Stadt drückt sich zuerst im eigenen Siegel (1224), dann im Bau eines besonderen Hauses für die Ratsversammlungen aus. Der Bau und die ersten Umbauten des heutigen Rathauses sind eng mit der städtischen Territorialpolitik verknüpft. So wie die mittelalterliche Verfassung in den Hauptzügen bis zum Ende des Ancien Regime galt, so beherbergten die im Spätmittelalter errichteten Bauten trotz verschiedener Neubaupläne die politischen Behörden bis zur Revolution und darüber hinaus, freilich vielfach umgebaut und neu ausgestattet.
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Die Ratsprozession am Ostermontag in Bern
Der Ostermontag bildete den Höhepunkt des politischen Lebens in Bern. An diesem Tag endete das Amtsjahr des Schultheissen und der Räte, die Magistraten leisteten ihre Amtseide, und die wichtigsten Gesetze wurden feierlich verlesen. War die Zahl der Grossräte unter 200 gesunken, so fand in der Woche vor Ostern die Ratsergänzung statt. Etwa alle 10 Jahre gab dieses Ereignis dem Ostermontag eine zusätzliche Bedeutung.
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Die Gemeinschaft der Krieger - Brunnenfigur der Gerechtigkeit
Zwischen 1542 und 1549 wurden in der Stadt Bern elf steinerne Brunnen, alle mit Standbildern, geschaffen. Sie lassen sich gesamthaft oder teilweise Hans Gieng zuschreiben, der mit dem damaligen Berner Ratsschreiber Peter Cyro die Herkunft aus Freiburg i. Ü. teilt. Als der prächtigste gilt der Gerechtigkeitsbrunnen, aufgestellt im vornehmsten Teil der Hauptgasse (heute Gerechtigkeitsgasse), unweit der Quergasse (Kreuzgasse), die Münster, Richtstuhl und Rathaus verband.
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Die Gemeinschaft der Krieger - Totentanz von Niklaus Manuel
Der Totentanz von Niklaus Manuel ist nur in Kopien erhalten. Er befand sich ursprünglich an der Friedhofmauer des Predigerklosters in Bern. Die 48 Bilder und dazugehörigen Texte sind von 1516/17 bis um 1520 entstanden und zogen sich über mehr als 100 Meter hin; die Figuren mögen etwas weniger als lebensgross gewesen sein. Schon kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts fiel die Kirchhofmauer mit dem Totentanz der Verbreiterung der heutigen Zeughausgasse zum Opfer. Trotzdem ist dieses Werk von Manuel das populärste geblieben. So sind auch die «Totentanz»-Aufführungen 1991 vor dem Berner Münster wieder von diesem Werk des Malers und Dichters inspiriert.
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Gerechtigkeitsbrunnen in Bern. Gerechtigkeitsgasse. Photo: g26.ch
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