g26.ch

HOME
EVENTS
MUSEEN
GALERIEN
BIOGRAPHIEN
G26.CH NEWS
BLACKBOARD
BERN INFO
KUNST

Google
Web g26.ch















Zeichen der Freiheit

Das Zeitalter der Revolutionen

Zeittafel

1688
Glorreiche Revolution in England
1776
Unabhängigkeitserklärung der USA
1786
Verfassung der USA
1789
Revolution in Frankreich
1792
Ausbruch der Revolutionskriege. Frankreich: Erste Republik
1804
Frankreich: Kaiserreich unter Napoleon I
1815
Restauration. Frankreich: Rückkehr zum Königreich
1830
Julirevolution in Frankreich. Einführung der konstitutionellen Monarchie
1848
Europäisches Revolutionsjahr. Frankreich: Zweite Republik
1852
Frankreich: Kaiserreich unter Napoleon III.
186o/61
Italienische Einigung
1867
Österreichisch-ungarischer Ausgleich
1870/71
Deutsch-Französischer Krieg
1871
Commune in Paris. Frankreich: Dritte Republik
1871
Deutsche Einigung
1905/06
Erste Revolution in Russland
1914
Ausbruch des Ersten Weltkrieges
1917
Oktoberrevolution in Russland



Die grossen politischen Umwälzungen des ausgehenden 18. und des i 9. Jahrhunderts prägen bis heute unsere Staatenwelt. Vieles, was uns im heutigen politischen Alltag selbstverständlich ist, geht im Entwurf auf die Kämpfe der grossen Revolutionen jener Zeit zurück.

In Nordamerika entstand mit den Vereinigten Staaten erstmals ein Staat nach modernen philosophischen Vorstellungen. Die Französische Revolution führte zum radikalen Bruch mit den in Jahrhunderten gewachsenen Denkwelten und Institutionen der absoluten Monarchie und der ständischen Feudalgesellschaft und zwang ganz Europa zur unbedingten Auseinandersetzung mit neuen politischen Vorstellungen. Die politische Gesamterneuerung der Gesellschaft war nicht mehr ein Spiel der Philosophen, sondern eine allzuoft blutige und grausame Konfrontation zwischen völlig verschiedenen Grundüberzeugungen, die sich gegenseitig auszurotten suchten. Während Jahrzehnten kam Europa nicht zur Ruhe. Einen letzten Höhepunkt bildete das europäische Schicksalsjahr 1848, in dem fast ganz Europa von Revolutionen erschüttert wurde. Auch wenn die meisten Erhebungen in erbitterten Kämpfen niedergeschlagen wurden, so veränderte sich doch der Grundcharakter aller europäischen Staaten.

Die Legitimität der Herrschaft war das zentrale Problem der Auseinandersetzung. Der Vorstellung einer historisch gewachsenen und durch göttlichen Willen eingesetzten politischen Struktur stand der Entwurf einer zu allen Zeiten gültigen, nach vernunftmässigen Grundsätzen begründbaren Ordnung der menschlichen Gesellschaft gegenüber. Das Bekenntnis zu allgemein verbindlichen Menschenrechten, die allen anderen Rechten übergeordnet sind, prägte das neue politische Denken und bildete die Grundlage für das politische Handeln.

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 wird die politische Aktion direkt mit diesen elementaren Rechten begründet:

Folgende Wahrheiten bedürfen für uns keines Beweises: Dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten ausgestattet sind, dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören, dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt sind, die ihre rechtmässige Autorität aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn immer irgendeine Regierungsform diesen Zielen abträglich wird, das Volk berechtigt ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und diese auf solchen Prinzipien zu errichten und ihre Gewalten solchermassen zu organisieren, wie es ihm zur Gewährleistung seiner Sicherheit und seines Glücks am ratsamsten erscheint.

Von da riss die Reihe der Menschenrechtserklärungen nicht mehr ab. Von den Deklarationen des 18. Jahrhunderts führt ein direkter Weg zu den heutigen politischen Grundsätzen, wie sie in jeder modernen Verfassung proklamiert werden. Der Glaube an die Machbarkeit des Glücks der Gesellschaft, an die Gleichheit. der Menschen und an die Souveränität des Volkes wurden zu den zentralen Themen der politischen Auseinandersetzung, und diese Themen bestimmen bis heute unser Denken und Handeln.

Die Träume der Philosophen gingen nicht in Erfüllung. Die allgemeine Begeisterung wich rasch der Ernüchterung, ja der Verzweiflung. Aus den Trümmern der zerschlagenen Institutionen gedieh nicht eine natürliche Gesellschaft freier und gleicher Menschen, sondern neue Hierarchien und Herrschaftsmonopole entstanden und kämpften um ihre Machtpositionen. Es kam nicht zum friedlichen Zusammenleben freier Völker, sondern zum fanatischen Kampf um nationale Vorherrschaft.

Auf dem Hintergrund einer rasch wachsenden Bevölkerung, der Industrialisierung und der Erschliessung globaler Wirtschaftsräume gewann die Suche nach neuen staatlichen Identitäten in Europa und den beiden Hälften Amerikas ihre Brisanz. Die alten Staaten und Obrigkeiten mit ihren feudalen und agrarischen Grundlagen konnten mit den Herausforderungen der industriellen Revolution, der sozialen Umschichtungen, der fortschreitenden Urbanisierung und den damit verbundenen Problemkreisen nicht fertig werden. Der Wandel zum modernen und effizienten Verwaltungsstaat war vorgezeichnet, doch wie ein solcher Wandel geschehen konnte, war unabsehbar. Unabhängig von den Staatsformen trat immer mehr die Identifikation mit der Nation an die Stelle der althergebrachten Loyalität zur Obrigkeit. Der Nationalismus wurde zum eigentlichen Motor der Politik im r 9. Jahrhundert. Die Philosophen der Aufklärung hatten grosszügigere Utopien entworfen: die Verbrüderung der gesamten Menschheit schien ihnen die logische Folge der Umgestaltung der Gesellschaft auf den Prinzipien der Menschenrechte. Dies schloss zwar den Patriotismus nicht aus, doch schien es ihnen undenkbar, ihn mit dem Hass auf andere Völker in Verbindung zu bringen. Wie ein Krebsübel erfasste mit den Revolutionen und Gegenrevolutionen der Nationalismus die Völker Europas und zerstörte die Hoffnungen auf eine neue, gerechte und freie Gesellschaftsordnung. Das Ausgeliefertsein des Einzelnen vor den grossen Veränderungen in der Wirtschaft und der Gesellschaft förderte die Suche nach vermeintlich Schuldigen, liess Ideologien ihren freien Lauf, die das Heil in einem neuen Wir-Bewusstsein versprachen, auch wenn sie sich immer weiter von den Idealen der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit entfernten.

Der unbedingte Glauben an den Fortschritt auf der einen Seite, die Verzweiflung über die Ohnmacht vor den Schrecken der Ereignisse auf der anderen bilden die beiden Pole, zwischen denen sich die Neugestaltung Europas abspielt.

Der Kampf für die Freiheit war ein Kampf gegen die Willkür der Herrschenden. Wenn es zu Beginn der Französischen Revolution noch vielen Denkern als selbstverständlich galt, dass ein neues, republikanisches und demokratisches Regime sozusagen von Natur aus auch eine gerechte Herrschaftsform sein müsse, so belehrte sie die Realität rasch eines besseren. Korruption, Terror und Willkür stürzten immer wieder die Bevölkerung der revolutionären Staaten in neue Zwänge und Abhängigkeiten. Jede Revolution im 19. Jahrhundert war nicht nur ein Aufbruch zu einer neuen Freiheit, sondern auch ein Sturz in eine neue Unfreiheit. Im Spannungsfeld zwischen nationaler Freiheit und individueller Freiheit wurde der revolutionäre Kampf zur Tragödie, zur heroischen Geste des Scheiterns.

In dieser Zeit wurde die Republik zu einem Schlüsselbegriff im politischen Denken. Schon in der Diskussion um das englische Parlamentssystem war im r B. Jahrhundert die Frage aufgetaucht, ob von einer wahren Monarchie überhaupt noch gesprochen werden könne. Die Gründung der Vereinigten Staaten konfrontierte die alte Welt mit einem Staat, der für sich beanspruchte, ein für allemal die Grundlagen des menschlichen Glücks nach allgemeingültigen Grundsätzen entworfen zu haben. Als in Frankreich schliesslich 1789 die Revolution ausbrach, war der Begriff der Republik bereits in aller Leute Mund. Die Absetzung des Königs und die Ausrufung der Republik 1'792 bildeten den vorläufigen Höhepunkt der Auseinandersetzung.

Der Kampf um die Staatsform war für Jahrzehnte nicht vom Kampf um die Menschenrechte zu trennen. Verbanden die Anhänger der Revolution mit der Staatsform der Republik den Aufbruch zu einer neuen und freien Gesellschaft, so sahen ihre Gegner in ihr den Inbegriff der Anarchie und des Terrors. Die Entwicklung in Frankreich schien den Gegnern recht zu geben; erst unter dem autoritären Regime des Direktoriums und später der napoleonischen Monarchie beruhigte sich die innere Lage. Die Angst vor der Republik ebenso wie die Sehnsucht nach der Republik waren Konstanten der politischen Diskussion in der ersten Hälfte des i 9. Jahrhunderts. Nur die Schweiz und San Marino überlebten in Europa die Kriege der Revolution als Republiken und konnten sich weiterhin behaupten. In der alten Welt schien mit dem Ende der Revolutionskriege die Zukunft der Republiken besiegelt.

In seiner Ode an Venedig beklagt Lord Byron den Untergang der Republiken:

Der Name Republik ist weggefegt
Vom Erdteil, wo der Zwingherrn Macht hinreicht;
Venedig ist zermalmt - Holland erträgt
Den Purpur, vor dem Zepter jetzt gebeugt;
Und wenn der freie Schweizer jetzt allein
Die fessellosen Berge noch betritt,
Wird dies nur noch von kurzer Dauer sein.

Ganz anders sah die Lage im europäischen Einflussgebiet in Übersee aus. Die Befreiung der spanischen und portugiesischen Kolonien unter der Führung Bolivars führte in Südamerika zur Gründung selbständiger Staaten, die sich alle als Republiken konstituierten. Monarchische Zwischenspiele wie in Brasilien und Mexiko konnten sich nicht behaupten. Beide Amerika blieben für die Republikaner des 19. Jahrhunderts vielbeachtete Idealbilder.

Den letzten Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung um die Republik in Europa im Revolutionsjahr 1848. Als Schreckgespenst oder als grosse Hoffnung stand die Republik im Zentrum des Interesses. Die Ausrufung der Zweiten Republik in Frankreich wirkte als Signal für den europäischen Aufstand gegen das Staatensystem der Restauration. Einmal mehr scheiterte die grosse Idee der Verbrüderung der freien und gleichen Menschen; auch die Idee der Republik als des Garanten einer besseren Zukunft musste begraben werden. Der Kampf für die Grundrechte des Einzelnen verlagerte sich nach englischem Vorbild zu einem Kampf um parlamentarische Mitbestimmung und schliesslich um demokratische Rechte. Es erwies sich, dass demokratische Grundrechte durchaus im Rahmen der Monarchie realisiert werden konnten, und die Erfahrungen des Jahres 1848, besonders jene der Zweiten Republik

in Frankreich und ihres unrühmlichen Endes, zeigten drastisch, dass die republikanische Staatsform noch keine Garantie für die Demokratie war.

Heinrich Heine hat in seinen letzten Lebensjahren dem weitverbreiteten Pessimismus und der Enttäuschung über die Republik Ausdruck gegeben:

Nicht der Vortrefflichkeit ihrer Lehre wegen, sondern wegen der Vulgarität derselben und weil die grosse Menge unfähig ist, eine höhere Doktrin zu fassen, glaube ich, dass die Republikaner, zunächst in Frankreich, allmählich die Oberhand gewinnen und für einige Zeit ihr Regiment befestigen werden. Ich sage: für einige Zeit, denn jene plebejischen Republiken, wie unsere Radikalen sie träumen, können nicht lange halten ... Indem wir mit Gewissheit ihre kurze Dauer voraussehen, trösten wir uns ob der Fortschritte des Republikanismus. Er ist vielleicht eine notwendige Übergangsform, und wir wollen ihm gern den verdriesslich eingepuppten Raupenzustand verzeihen, in der Hoffnung, dass der Schmetterling, der einst daraus hervorbricht, desto farbenreicher seine Schwingen entfaltet und im süssen Sonnenlichte mit allen Lebensblumen spielen wird!

Kein Künstler blieb von den Umwälzungen unberührt, ob er sich nun für die Revolution begeistern liess, ob er sie ablehnte oder ob er versuchte, sich in einen privaten Freiraum zurückzuziehen und die Stürme der Zeit zu ignorieren.

Der gesellschaftliche und politische Wandel veränderte als erstes die Bedingungen von Kunstaufträgen nachhaltig. Besonders dramatisch war in Frankreich der Zusammenbruch des Ancien Regime mit dem zeitweiligen Verschwinden der traditionellen Träger des Kunstlebens verbunden, ohne dass eine neue Schicht von Auftraggebern ihre Stelle einnahm. Die Abschaffung der Aristokratie, des Hofes und der kirchlichen Institutionen hinterliess ein Vakuum, das zwar von einzelnen Künstlern als Chance wahrgenommen werden konnte, das aber für viele den Ruin bedeutete.

Auch war den neuen Republiken die Kunst häufig suspekt. War sie nicht die Dienerin der Fürsten, des Luxus und der Dekadenz? In den ersten Jahrzehnten der amerikanischen Republik fürchtete man, dass der traditionelle Kulturbetrieb das Bestehen der Republik gefährden könnte. Sogar der amerikanische Maler und Politiker John Trumbull teilte die Befürchtungen:

Sind wir nicht zu sehr auf den Handel versessen? Schätzen wir den Wohlstand nicht zu hoch ein? Warum stürzen wir uns in die Nachahmung jeglicher Art von Luxus? Wird dies alles nicht unvermeidlich den Untergang der republikanischen Tugend und unseres nationalen Charakters mit sich bringen? Ich befürchte es.

Strenge und Nüchternheit, hohe Ideale bei der Themenwahl der Bilder sollten diese Gefahr bannen helfen.

Im Dienste des souveränen Volkes stiess die Kunst auf unüberwindbare Probleme. Waren schon im staatlichen Leben repräsentative Entscheide schwer genug zu treffen, so erst recht im Bereich der Kunst. Vieles blieb Entwurf; in den Zeichnungen und Skizzen finden wir künstlerische Höhenflüge, die ihre Realisierung verfehlten.

Im revolutionären Frankreich sollte das grosse patriotische Fest ein eigentliches Gesamtkunstwerk für und durch das ganze Volk werden. Trotz der Beteiligung der bedeutendsten Künstler aber blieben solche Manifestationen hohl und ohne die erhoffte Wirkung. Statt neuen künstlerischen Wegen die Bahn zu ebnen, verstärkte sich der Hang zum Rückgriff auf altbewährte Darstellungsmuster. Die Antike wurde zur Requisitenkammer der revolutionären Kunst. Die grossen Meisterwerke blieben vereinzelt und waren rückwärtsgewandt.

In der Abkehr von der offiziellen Auftragskunst lag die Möglichkeit der freien Künstler, ihren ganz persönlichen Anliegen Ausdruck zu verleihen. An die Stelle der traditionellen Bildwelten traten persönliche Visionen, Symbole einer individuellen Ikonographie. Die fortschreitende Auflösung der Bildkonventionen isolierte den Künstler. »Frei, aber einsam« wurde zur Devise des Künstlers im i 9. Jahrhundert. Der Individualisierung der Ausdrucksmittel stand die Ausdifferenzierung des Publikums gegenüber. Nur wenige allgemein bekannte Bildthemen, von meist einfacher Aussage, erreichten die Massen.

Die Historienmalerei und die Allegorien blieben weiterhin von hervorragender Bedeutung, doch änderte sich die Optik des Malers in den Jahrzehnten nach der Revolution. Nicht die alles entscheidende Tat, die den Helden zum unpersönlichen Symbol einer Idee emporhob, stand nun im Zentrum des Interesses, sondern das individuelle Schicksal, das psychologische Drama als Gleichnis für Glück und Leid der Menschheit.

Der Kampf für die Freiheit fand auf verschiedenen Ebenen der Kunst statt. In der offiziellen Auftragskunst herrschten nach wie vor die traditionellen Bildwelten vor, das Bild einer satten Freiheit, die - wie auch immer verstanden - zur Herrschaftsikonographie gehörte. Die Sehnsucht nach einer weitergehenden Freiheit aber manifestierte sich anders. Auf der einen Seite finden wir das subversive Engagement in der Druckgraphik, die durch neue Techniken der Vervielfältigung eine bisher unbekannte Resonanz erreichte; durch die massenhafte Verbreitung der Lithographie im t 9. Jahrhundert wurden Bilder des politischen Konfliktes zum Allgemeingut einer sehr breiten Schicht der Bevölkerung. Auf der anderen Seite konzentrierten sich die politischen Äusserungen in den privaten Bildwelten der Künstler, die für eine kleine, intellektuelle Elite arbeiteten. Sie malten nicht Bilder der Staatsformen, sondern Bilder des individuellen Schicksals, des Leidens an der Unfreiheit und der Hoffnung auf Veränderung auf einer Ebene, die dem politischen Diskurs auswich.

Die Tragik des Künstlers, der sich mit den grossen Ereignissen der Revolution auseinandersetzt, lag im Widerspruch zwischen seinem universalen Engagement für eine bessere Gesellschaft und seiner Abkapselung in der ihm eigenen Bildwelt. Die Hoffnung, dass die Kunst der Veredelung des Volkes dienen werde, hatte sich zerschlagen. Ebensowenig hatte sich die Befürchtung bewahrheitet, dass die Kunst eine Gefahr für die Tugenden einer neuen Gesellschaft darstelle.

Quelle: Dr. François de Capitani
Zeichen der Freiheit
21. Kunstausstellung des Europarates 1991
Bernisches Historisches Museum und Kunstmuseum Bern




Die alte Eidgenossenschaft
Die Situation der Maler und Bildhauer war in der Schweiz schwierig. Die Betonung der korporativen Freiheiten verhinderte die Ausprägung einer individuellen Freiheit des Künstlers, dem kein eigener Freiraum zugestanden wurde. Es fehlten auch die grossen Auftraggeber, die kontinuierlich eine Schar von Künstlern mit hohen Ambitionen hätten ernähren können. So finden wir immer wieder bedeutende Schweizer Maler, die ausserhalb der Schweiz zu Ruhm und Ehre kamen. Auf der anderen Seite mussten schweizerische Auftraggeber ausländische Künstler berufen, wenn ausserordentliche Projekte realisiert werden sollten. Konnten sich Malerei und Bildhauerei in den schweizerischen Orten nicht zu ähnlicher Blüte entwickeln, wie in anderen Ländern, so bot doch gerade die einzigartige politische Situation für andere künstlerische Arbeiten einen hervorragenden Boden. Die Goldschmiedekunst und die Glasmalerei entwickelten sich hier im 16. und 17. Jahrhundert zu einer bemerkenswerten Blüte. Die Zünfte und Korporationen fanden hier die ihnen adäquate Form der Selbstdarstellung und förderten diese Künste, die fest im städtisch-handwerklichen Leben verankert waren.
weiter...

Republik - Demokratie - Freiheit
Regierungsformen, Sozialstrukturen und politische Konzepte

Republik kommt von «res publica», «der öffentliche Bereich», und bedeutet ursprünglich den Staat und seine Funktionen. Seit der Renaissance aber wird dieser Begriff immer ausschliesslicher auf Staaten ohne monarchische Spitze bezogen, Staaten, wo entweder eine Gruppe - die Aristokratie - oder das ganze Volk - die Demokratie - regiert.
Demokratie bedeutet «Herrschaft des Volkes». Der Begriff wird schon in der griechischen Antike verwendet und im Humanismus auf solche Staaten bezogen, in denen alle, die im Besitz des Bürgerrechtes sind, als Volksversammlung den letzten Entscheid innehaben. Demokratie bedeutet auch politische Gleichheit der Bürger. In der Realität ergibt sich meistens eine Mischform von Demokratie und Aristokratie. Aristokratie bedeutet «Herrschaft der Besten», das heisst in der Regel der Besitzenden und der Gebildeten. Sie sind die Klasse, die in den entscheidenden politischen Gremien dominiert. Jede Staatsform hat nach klassischer Definition auch ihre Entartungsform. Die Monarchie kann zur Despotie, zur Tyrannis werden, zur Alleinherrschaft des emporgekommenen Machthabers. Die Aristokratie kann zur Oligarchie, zur Herrschaft der Wenigen, das heisst einer bestimmten Sondergruppe, werden oder auch zur Plutokratie, der Herrschaft der «Reichen», der wirtschaftlich Mächtigen.
weiter...

Rathäuser und Regierungspaläste - Die Architektur als Hauptinstrument republikanischer Selbstdarstellung in Europa und Nordamerika vom 16. zum 20. Jahrhundert
In den europäischen Stadtrepubliken seit dem späten Mittelalter waren die monumentalen Profanbauten der Rathäuser die politischen Zentren, während die Kirchen die sakralen Mittelpunkte darstellten; gemeinsam setzten sie die dominanten Akzente im jeweiligen Stadtbild, wobei jede der Stadtrepubliken ihr Rathaus an möglichst prominenter Stelle errichtete. Das Gebäude des Rathauses war somit der Architektur gewordene Ausdruck der politischen Struktur des Gemeinwesens und seines Selbstverständnisses. Es war das Kennzeichen der Freiheit in der Republik bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, dass sie auf gerechten Gesetzen beruhte, die sich freie Bürger selbst gaben; dem lag ein Freiheitsbegriff zugrunde, der für den Einzelnen als politische Berechtigung innerhalb des Gemeinwesens, für den Freistaat insgesamt dagegen als Souveränität nach aussen in Erscheinung trat.
weiter...

Die Demokratie zwischen Vorbildern und Zerrbildern
Demokratie gilt heute als ein politischer Zustand, mit dem jede nationale Geschichte ihr endgültiges Ziel und ihre Erfüllung gefunden hat. Jahrhundertelang jedoch war für das politische Denken Demokratie eine bedenkliche Staatsverfassung. Auch nach der Französischen Revolution war sie für Wieland «die schlechteste aller Regierungsarten» oder für Fichte «eine schlechthin rechtswidrige Verfassung».1 In der dritten Auflage des liberalen Meyerschen Konversations-Lexikons konnte es 1875 heissen, es sei «nicht zu verkennen, dass in dem europäischen Staatsleben das monarchische Princip zu fest gewurzelt ist, als dass die Demokratie hier auf die Dauer Boden gewinnen könnte». Es ist also eine junge Errungenschaft, wenn heute Demokratie als ein Telos der Geschichte erscheint, als eine fast naturnotwendige Form des politischen und sozialen Lebens. Haben Bilder dazu beigetragen, der Demokratie diesen hervorragenden, definitiven Stellenwert in der europäischen Bewusstseinsgeschichte zu erobern?
weiter...

Gesichter der Republik
Derselbe Zug einer bürgerlichen Förmlichkeit unter republikanischer Verfassung, wie sie sich so eindrucksvoll in Ter Borchs Gemälde Die Bürgermeister von Deventer ausdrückt, findet sich in dem faszinierenden seltenen Fall eines Schweizer Gruppenporträts, der Bibliothekskommission von Bern, das die Amtsträger von 1696/97 zeigt. Sie sind um einen Tisch versammelt, in schlichter schwarzer Tracht, umgeben von den gefüllten Bücherschränken, an denen sich Bibliothekare zu schaffen machen, und von einer Folge strenger Porträts, die wie in der Sala del Maggior Consiglio des Dogenpalastes unmittelbar unter der Decke einen Fries bilden; die Herren der Bibliothekskommission, bestehend aus Mitgliedern des Kleinen und des Grossen Rats sowie Professoren der Akademie, werden in ihrer gemeinsamen Arbeit erfasst - ein Vorbild und Beispiel republikanischer Tugenden.
weiter...

Die funkelnden Farben der Freiheit: zu einem schillernden Begriff in Historiographie und Kunsttheorie
Hier sind nur einige Fäden im unübersichtlichen Geflecht von Kunst, Politik, Geschichte und Theorie angedeutet worden; Fäden die sich anders ziehen oder auch völlig leugnen lassen. So kann man von Kant auch über Schopenhauer und Freud bis zur Befreiung in künstlerischer Therapie, von Hegel über Marx bis zur Rechtfertigung des sozialistischen Realismus oder von Schelling und Tieck bis zu den Experimenten von Dadaismus oder Surrealismus historische Entwicklungslinien der Freiheit ziehen. Andererseits kann man die «befreienden» Forderungen nach Modernität oder Autonomie der Kunst als sozial und historisch bedingte Konzepte entlarven oder auf die negativen Folgen der Freiheit für die Kunst hinweisen, die man ganz nach eigenen Bedürfnissen, sowohl in der künstlerischen Qualität wie der sozialen Situation des nicht mehr gebundenen Künstlers erkennen kann. Am ehesten noch, so scheint mir, lässt sich dabei eine historische Linie der Befreiung vom Künstler über den Betrachter bis zum Interpreten denken.
weiter...

Das Zeitalter der Revolutionen
Auf dem Hintergrund einer rasch wachsenden Bevölkerung, der Industrialisierung und der Erschliessung globaler Wirtschaftsräume gewann die Suche nach neuen staatlichen Identitäten in Europa und den beiden Hälften Amerikas ihre Brisanz. Die alten Staaten und Obrigkeiten mit ihren feudalen und agrarischen Grundlagen konnten mit den Herausforderungen der industriellen Revolution, der sozialen Umschichtungen, der fortschreitenden Urbanisierung und den damit verbundenen Problemkreisen nicht fertig werden. Der Wandel zum modernen und effizienten Verwaltungsstaat war vorgezeichnet, doch wie ein solcher Wandel geschehen konnte, war unabsehbar. Unabhängig von den Staatsformen trat immer mehr die Identifikation mit der Nation an die Stelle der althergebrachten Loyalität zur Obrigkeit. Der Nationalismus wurde zum eigentlichen Motor der Politik im r 9. Jahrhundert. Die Philosophen der Aufklärung hatten grosszügigere Utopien entworfen: die Verbrüderung der gesamten Menschheit schien ihnen die logische Folge der Umgestaltung der Gesellschaft auf den Prinzipien der Menschenrechte. Dies schloss zwar den Patriotismus nicht aus, doch schien es ihnen undenkbar, ihn mit dem Hass auf andere Völker in Verbindung zu bringen. Wie ein Krebsübel erfasste mit den Revolutionen und Gegenrevolutionen der Nationalismus die Völker Europas und zerstörte die Hoffnungen auf eine neue, gerechte und freie Gesellschaftsordnung. Das Ausgeliefertsein des Einzelnen vor den grossen Veränderungen in der Wirtschaft und der Gesellschaft förderte die Suche nach vermeintlich Schuldigen, liess Ideologien ihren freien Lauf, die das Heil in einem neuen Wir-Bewusstsein versprachen, auch wenn sie sich immer weiter von den Idealen der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit entfernten.
weiter...

Die Republik Bern
Im Verlauf des Spätmittelalters hatte die Stadt Bern ein umfangreiches Territorium erworben. Durch Kauf, Erbschaft und Eroberung war es ihr gelungen, zum wichtigsten Machtfaktor im westlichen Mittelland zwischen dem Aargau und dem Genfersee zu werden. In seinen Kämpfen gegen Habsburg, Burgund und Savoyen konnte Bern die konkurrierenden Territorialherren verdrängen. Bern bildete so in der frühen Neuzeit den grössten Stadtstaat nördlich der Alpen.
weiter...

Der Berner Ratssaal
Unter den öffentlichen Bauten, die im alten Bern das Stadtbild akzentuieren und den Stadtraum strukturieren, nimmt das Rathaus eine hervorragende Stelle ein, denn es bildet das profane Gegenstück zur Münsterkirche. Die Unabhängigkeit der Stadt drückt sich zuerst im eigenen Siegel (1224), dann im Bau eines besonderen Hauses für die Ratsversammlungen aus. Der Bau und die ersten Umbauten des heutigen Rathauses sind eng mit der städtischen Territorialpolitik verknüpft. So wie die mittelalterliche Verfassung in den Hauptzügen bis zum Ende des Ancien Regime galt, so beherbergten die im Spätmittelalter errichteten Bauten trotz verschiedener Neubaupläne die politischen Behörden bis zur Revolution und darüber hinaus, freilich vielfach umgebaut und neu ausgestattet.
weiter...

Die Ratsprozession am Ostermontag in Bern
Der Ostermontag bildete den Höhepunkt des politischen Lebens in Bern. An diesem Tag endete das Amtsjahr des Schultheissen und der Räte, die Magistraten leisteten ihre Amtseide, und die wichtigsten Gesetze wurden feierlich verlesen. War die Zahl der Grossräte unter 200 gesunken, so fand in der Woche vor Ostern die Ratsergänzung statt. Etwa alle 10 Jahre gab dieses Ereignis dem Ostermontag eine zusätzliche Bedeutung.
weiter...

Die Gemeinschaft der Krieger - Brunnenfigur der Gerechtigkeit
Zwischen 1542 und 1549 wurden in der Stadt Bern elf steinerne Brunnen, alle mit Standbildern, geschaffen. Sie lassen sich gesamthaft oder teilweise Hans Gieng zuschreiben, der mit dem damaligen Berner Ratsschreiber Peter Cyro die Herkunft aus Freiburg i. Ü. teilt. Als der prächtigste gilt der Gerechtigkeitsbrunnen, aufgestellt im vornehmsten Teil der Hauptgasse (heute Gerechtigkeitsgasse), unweit der Quergasse (Kreuzgasse), die Münster, Richtstuhl und Rathaus verband.
weiter...

Die Gemeinschaft der Krieger - Totentanz von Niklaus Manuel
Der Totentanz von Niklaus Manuel ist nur in Kopien erhalten. Er befand sich ursprünglich an der Friedhofmauer des Predigerklosters in Bern. Die 48 Bilder und dazugehörigen Texte sind von 1516/17 bis um 1520 entstanden und zogen sich über mehr als 100 Meter hin; die Figuren mögen etwas weniger als lebensgross gewesen sein. Schon kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts fiel die Kirchhofmauer mit dem Totentanz der Verbreiterung der heutigen Zeughausgasse zum Opfer. Trotzdem ist dieses Werk von Manuel das populärste geblieben. So sind auch die «Totentanz»-Aufführungen 1991 vor dem Berner Münster wieder von diesem Werk des Malers und Dichters inspiriert.
weiter...


Gerechtigkeitsbrunnen in Bern. Gerechtigkeitsgasse. Photo: g26.ch
g26.ch PLATTFORM FÜR KUNST KULTUR UND GESELLSCHAFT