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UNESCO Welterbestätten in der Schweiz

Kloster St. Johann Müstair - UNESCO Welterbe

Münster - Müstair
Schweizerisches Bergdorf im Kanton Graubünden, 750 Einwohner; Benediktinerinnenkloster (Weltkulturerbe seit 1983), Klosterkirche mit berühmten karolingischen Wandmalereien (um 800).

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  • UNESCO Weltkulturerbe in der Schweiz
  • Schweizerische UNESCO-Kommission



    Kloster St. Johann Müstair - UNESCO Welterbe

    Um 1900 entdeckten Kunsthistoriker hinter Heiligenbildern und weiss-grauem Putz den Wänden entlang an verschiedenen Tafeln einen einzigartigen Freskenzyklus aus karolingischer Zeit über das Leben und Wirken Christi - wie ein Bilderbuch. Das Kloster wurde anlässlich der Sitzung des Welterbekomitees vom 5. bis 9. Dezember 1983 in Florenz (Italien) in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen.

    Es muss wie im Traum gewesen sein als die zwei Schweizer Kunsthistoriker Josef Zemp und Robert Durrer um 1900 über einem Kirchengewölbe Absalom, Davids Sohn und der Anfang einer Geschichte, die ins achte Jahrhundert führen sollte, entdeckten. Was Archäologen jetzt bestätigen, erzählen die Menschen im Münstertal schon seit langem: Karl der Grosse hat das Kloster Sankt Johann im Südost-Zipfel der Schweiz gegründet.

    Was über dem Gewölbe als David-Zyklus beginnt, setzt sich unten, den Wänden entlang und im Kreis, als die Geschichte Christi fort. Seine Jugend, die Passionszeit, die Auferstehung. Als Fachleute gemeinsam mit den Benediktinerinnen von St. Johann in mühevoller Kleinarbeit die Bilder freilegten, war Josef Zemp bereits tot. Er konnte nicht mehr zur Kenntnis nehmen, dass das gefundene Gesicht der Anfang des einzigartigen Bilderbuchs aus der Karolingerzeit war, aus der Gründungszeit des Klosters.

    Angelina Planta ging um 1490 als baufreudige Äbtissin in die Annalen ein, sie verpasste der Klosterkirche ein neues gotisches Gewand. Die bisherige Saalkirche, flach und hoch wie ein Kasten, erhielt ein Kreuzgewölbe und zwei Säulenreihen.

    Was im Kreuzgewölbe noch als Wappen vereint ist, zog Ende des 15. Jahrhunderts gegeneinander ins Feld: Österreicher gegen Bündner. Das Kloster wurde besetzt, gebrandschatzt, geplündert, die Äbtissin gefangengenommen. Nach der Schlacht kehrt die Äbtissin nach Müstair zurück und baut weiter. Der Planta-Turm wird zum Kloster im Kloster, beherbergt alle Funktionen von Beten, Essen und Schlafen. Errichtet ist er, wie Archäologen herausgefunden haben, auf den Fundamenten eines Wohn- und Wehrturms von 958.

    Im Dreissigjährigen Krieg wiederholen sich schicksalhaft Besetzung und Plünderungen, die Klosterbücher verzeichnen den herben Verlust von vier Zentnern Zinn und Silber, elf Zentnern Schmalz und 33 Stück Grossvieh. Die unsicheren politischen und ökonomischen Verhältnisse haben grössere Umbauten und Erweiterungen verhindert und das heutige Kloster ist uns, wie von Angelina Planta im 15. Jahrhundert erbaut, erhalten geblieben.



    Ausgrabungen

    Seit einigen Jahren lässt der Schweizerische Nationalfonds durch Prof. Dr. H. R. Sennhauser nach der alten Klosteranlage graben. So fand man vor der heutigen Klosterpforte die jetzt wieder zugedeckten Mauern eines geräumigen Saales, der als Vorläufer der romanischen Bischofsresidenz angesehen werden kann. Unter den Wirtschaftsgebäuden gegen das Dorf hin entdeckte man die Spuren prähistorischer Bauten. Wenn die Ausgrabungen des ganzen klösterlichen Gebietes ihr Ziel erreicht haben und deren Ergebnisse greifbar sind, bereichert dies unser Wissen von der karolingischen Welt.



    Geschichte

    Als Karl der Grosse sich anschickte, das Langobardenreich zu erobern (772-774), machte er den Churer Bischof Constantius zum weltlichen Verwalter von Churrätien, um sich so dessen Pässe zu sichern. Im Sinn und Geist des Herrschers, der sein Reich kulturell und sozial heben wollte, gründete der Churer Oberhirte (Constantius oder sein Nachfolger Remedius) am Ausgang des Ofenpasses ein Herbergkloster, um so den Zugang zum Vintschgau, der zu Churrätien und zum Bistum Chur gehörte, zu erleichtern.

    Der hl. Johannes der Täufer, der Heilige der Wüste, übernahm die Schutzherrschaft über die Stiftung. Sie hiess schlechthin Monasterium = Kloster, wovon sich der heutige romanische Name Müstair ableitet. Da es aber in Churrätien mehrere Klöster gab, fügte man noch den Namen der Landschaft hinzu, nämlich Monasterium Tuberis, das Kloster in Tuberis, ein Name, der sich vom vorlateinischen Tob (= Tobel, Korridor) ableitet. Im 11./12. Jh. wurde diese Bezeichnung auf das Dorf Taufers beschränkt.

    806 fiel das bischöfliche Eigenkloster der fränkischen Staatsgewalt zu, doch konnte es der Churer Bischof 881 im Austausch gegen andere Kirchen wieder zurückerhalten. Besonders Bischof Norbert († 1088), früher Domherr in Augsburg, förderte die Stiftung, da er dort für sich Kapellen und eine Wohnung errichten liess.

    Nachdem das benediktinische Männerkloster um 1100 irgendwie seine Kraft verloren hatte, sorgten Bischof Konrad I. von Biberegg (1123-1145) und die Herren von Tarasp, welche die Abtei Marienberg ins Leben gerufen hatten, dass Benediktinerinnen in die Gebäude einzogen. Bischof Adalgott († 1160) gab ihnen den geistigen, Bischof Egino († 1170) den wirtschaftlichen Halt. Besitz und Einfluss der Nonnen erstreckten sich von Ötztal und Unterengadin bis in den Vintschgau und das Etschgebiet. Im 14. und 15. Jh. fand im Nonnenkloster die Mystik eifrige Pflege, die sich besonders in der Verehrung einer wunderbaren Blut-Hostie offenbarte. Im Schwabenkriege 1499 litt das Kloster schwer.

    In der ersten Hälfte des 16. Jh. übernahm das Frauenstift den Unterhalt für den Pfarrer von Müstair, um so die Gemeinde Müstair im alten Glauben zu bewahren. Später wurden italienische, dann tirolische Kapuziner für die Seelsorge berufen. In der Barockzeit gab die Reform vom Nonnberg (Salzburg) viele Anregungen. Der Konvent rekrutierte sich meist aus den aristokratischen Familien Südtirols und Bündens (auch Veltlins). Der Blüte machte das Kriegsjahr 1799 ein Ende, in dem mehr die Franzosen als die Österreicher der Abtei Schaden zufügten. Immerhin nahm die Habsburger-Regierung 1803 alle auf österreichischem Gebiete liegenden Güter in Besitz (Inkameration). Infolge der Zeitkrisen durften die Nonnen auf Befehl des Bischofs seit 1810 nur noch Priorinnen wählen.

    Im 19. Jh. geriet die Stiftung unter die Kastvogtei der Bündner Regierung, welche die bisher habsburgische Vogtei ersetzte. Trotzdem konnte sich der Konvent langsam wieder erholen. Die heutigen Nonnen, 15 an der Zahl, stellen für das Engadin, das Bündner Oberland und das Bernbiet Trachten her, dazu widmen sie sich auch verschiedentlich Handarbeiten.

    Die vornehmste Aufgabe aber bleibt die Feier des Gotteslobes in der karolingischen Kirche. Rechtlich steht das Kloster unter dem Churer Bischof, der indes die Visitationspflicht dem Abt von Disentis übertragen hat, da ja auch dessen Mönche das Amt des Spirituals und Administrators versehen.



    Die Kirche

    Architektur

    Die Klosterkirche stellt eine Saalkirche mit drei Apsiden dar, ein Typus, der vom christlichen Osten über das Adriagebiet nach Churrätien kam, wo er in karolingischer Zeit vielfach belegt ist (St. Martin und St. Luzi in Chur, St. Peter in Mistail, St. Martin [II] und St. Maria [II] in Disentis usw.). St. Johann in Müstair ist aber die repräsentativste dieser Kirchen, denn sie wies nicht nur drei, sondern fünf Apsiden auf, da im Norden ein dem hl. Martin geweihter Annex hinzugefügt wurde (heute zur Sakristei gehörig), ebenso im Süden zu Ehren des hl. Benedikt. Letzterer musste indes späteren Bauten weichen.

    Die karolingische Kirche war flachgedeckt; der klare Einheitsraum wurde aber unter der Äbtissin Angelina Planta in den Jahren 1489-1492 durch zwei Säulenreihen zu einer spätgotischen dreischiffigen Hallenkirche umgebaut. Diesen Charakter betonen noch mehr das eingebaute Netzgewölbe, dazu die Westempore und die spitzbogigen Fenster. Die 1878 erfolgte Übermalung des Kircheninneren konnte erst die Restauration von 1947 entfernen.

    Mit der Kirche hängen noch mehrere Gebäude zusammen, so an der Nordseite der mit einem zinnenbekrönten Pultdach eingedeckte Wohnturm, den die Äbtissin Angelina Planta errichten liess, weshalb er heute Planta-Turm heisst. An der Südseite steht der spätgotische Kirchturm, dessen Glockenstube erst der Äbtissin Ursula III. von Schlandersberg (1585-97) zu verdanken ist. Westlich der Kirche schliesst sich der Kreuzgang an, bestehend aus einfachen Bogen über Brüstungen, der meist der Zeit des Bischofs Norbert (11. Jh.) zugewiesen wird. Früher überdeckte ihn ein Pultdach, das später durch Gewölbe ersetzt wurde.

    Die ganze heutige Anlage ist nicht von Anfang an so geplant gewesen, wie sie heute ist, sondern im Laufe der Jahrhunderte organisch gewachsen.

    Karolingische Malereien

    Die Klosterkirche erlangte ihre heutige Berühmtheit erst durch die Entdeckung des gegen 800 entstandenen Bilderzyklus, der in dominierendem Rotbraun und in impressionistischer, auf Fernwirkung zielender Art seine Themata schildert. Dabei verarbeiteten der Hauptmaler und seine Mitarbeiter Bildquellen verschiedenster Herkunft (byzantinische und apokryphe, spätrömische und frühmittelalterliche Vorbilder, indes keine irischen und merowingischen). Die Diskussion über die Herkunftswege ist noch in vollem Gang. M. Sennhauser-Girard sieht in einer reich illustrierten syrobyzantinischen Bilderhandschrift die entfernte Urquelle und vermutet Bischof Remedius (um 800) als den geistigen Vater der theologisch gut fundierten Bildreihen. Adolf Weis geht von den hellenistisch-impressionistischen Malereien von Castelseprio (ca. 750/60) aus, die auf die entsprechenden Darstellungen der langobardischen Königsbasilika S. Salvatore in Brescia (ca. 770) einwirkten, die ihrerseits wieder die Maler von Müstair beeinflussten. Wie dem immer sein mag, Müstair bietet in unseren Landen das erste grossenteils erhaltene Beispiel eines systematisch und monumental ausgeschmückten Gotteshauses.

    Nun zu den Einzelheiten anhand des Bildplanes von W. Sulser. Es sind fünf Streifen, die sich über das Ganze hinziehen, ausgehend von der Südwand. Der oberste stellt in heilsgeschichtlicher Weise David als den Ahnherrn Christi dar: Nr. 1 -8 an der Südwand, Nr. 9-12 an der Westwand und Nr. 15-20 an der Nordwand. Diese Malereien, seit 1492 durch die gotische Decke verdeckt, wurden 1908 und 1909 sicherheitshalber ins Schweizerische Landesmuseum in Zürich übertragen. Ebenso erging es der Darstellung der Himmelfahrt Christi an der Ostwand. Der neutestamentliche Zyklus führt uns das Leben Jesu und die Schicksale der Apostel vor Augen. Die Folge beginnt an der Südwand: Nr. 21 Verkündigung an Maria, Nr. 22-28 nicht erhalten, Nr. 29 Rückkehr der Drei Könige, Nr. 30 Darstellung im Tempel, Nr. 31 Traum Josephs, Nr. 32 Flucht nach Ägypten (Maria mit dem Kinde sitzt frontal dem Beschauer gegenüber, die Abwehrgeste des Kindes und des Nährvaters gelten einem heidnischen Tempel), Nr. 33 Kindermord, Nr. 34-35 Jesusknabe im Tempel (?), Nr. 36 Busspredigt des Johannes (Inhalt: Die Axt ist schon an den Stamm gelegt. Mt 3, 10 und Lk 3, 9). Wenden wir uns der Südwand zu: Nr. 37 Begegnung Christi mit Johannes, Nr. 38 Taufe Christi, Nr. 39-41 fehlen. Die folgenden Bilder Nr. 42-46 befinden sich auf dem Nonnenchor und gehören zur Klausur. Nr. 42-43 Taten Christi, Nr. 44 Der Hauptmann von Kapharnaum erbittet die Heilung seines Knechtes. Fortsetzung auf der Nordseite: Nr. 45 Heilung der beiden Blinden, Nr. 46 Heilung des Taubstummen. Nicht mehr zur Klausur gehören Nr. 47 Brotvermehrung, Nr. 48 Verklärung, Nr. 49 Heilung der blutflüssigen Frau, Nr. 50 Sturm auf dem Meere, Nr. 51 Christus und die Kinder, Nr. 52 Christus und die Ehebrecherin. Fortsetzung auf der Südwand, wo nur wenige Themata deutlich zu erkennen sind: Nr. 59 (über der Empore) Abendmahl, Nr. 60 Fusswaschung. An der Nordwand: Nr. 61 Jesus am Ölberg und die zurückweichenden Häscher, Nr. 62 Judaskuss, Nr. 63-64 Christus vor den Hohenpriestern und vor Pilatus, Nr. 65-66 Kreuzigung, die beiden Schächer, Johannes und Maria, Nr. 67 Christus in der Vorhölle, Adam und Eva, dahinter der Täufer, Nr. 68 Engel am Grabe.

    Von dem untersten Streifen an der Südwand mit Nr. 69-75 ist nichts erhalten, auf dem entsprechenden Teil der Nordwand Nr. 76-82 ist nur Nr. 78 die Kreuzigung des Andreas zu erkennen.

    Fortsetzung in den Apsiden: Mittelapsis mit Christus in der Glorie und den Sinnbildern der Evangelisten, in der Südapsis ein Gemmenkreuz mit Rundschildbildern: Christus, Petrus und Paulus, ferner die Symbole der Evangelisten. Die Südapsis ist St. Stephan gewidmet, darum zeigt der oberste Streifen dessen Weihe (Krone über Altar), ferner dessen caritatives Wirken. In der Nordapsis kommen die Apostelfürsten zu Ehren: Petrus erhält den Schlüssel, Paulus das Buch (Traditio legis). In der mittleren Zone: Streitgespräch der Apostel mit Simon Magus vor Nero und dessen Hofstaat.

    Ihre Krönung findet die grossartige Bibeltheologie an der Westwand über der Empore durch die Darstellung des jüngsten Gerichtes, das älteste erhaltene Monumentalbild dieses Themas. In der Mitte thront im Glorienkreis der Weltenrichter, mitten unter den 12 Aposteln, die neben ihm in den Bögen der Rundarkaden als Mitrichter erscheinen. Im obersten Teil links der von Engeln getragene Richter, rechts das Einrollen des sternbesäten Himmels gemäss dem Worte der Geheimen Offenbarung 6, 14: Der Himmel wich zurück wie eine Rolle, die sich zusammenrollt.

    Romanische Malereien

    Das durch die grosse Schenkung des Bischofs Egino von Chur († 1170) gehobene Frauenstift wollte im ausgehenden 12. Jh. seine Kirche neu ausmalen lassen. Der Künstler liebte die expressionistische Darstellungsart, seine Leistung «gehört zum Besten romanischer Wandmalerei überhaupt». (A. Reinle).

    Mittelapsis: Hinter dem Gastmahl des Herodes, bei dem die tanzende Salome die Enthauptung des Täufers erreicht. Rechts davon wird der Leichnam des Johannes auf einer Bahre weggetragen und dann in einem Sarkophag beigesetzt (Priester mit Weihrauchgefäss). In der Mitte der Apsis (neben dem Fenster) war dargestellt, wie Christus die klugen Jungfrauen empfängt und die törichten vor verschlossener Türe stehen lässt. Die Bilder wurden abgelöst und sind im Museum zu besichtigen. Am rechten Rand der Apsis stützt ein muskulöser Atlant das Mäanderband, darunter die in sakral-schwarzer Robe gekleidete Wohltäterin Friderun.

    Südapsis: Die dramatische Schilderung der Steinigung des hl. Stephanus, der Leichenzug und die Bestattung, thematisch gleich wie die Täufergeschichte der Mittelapsis, indes individueller gestaltet.

    Nordapsis: Zuunterst die Kreuzigung Petri und die Enthauptung Pauli, dann die Bestattung beider Heiligen. In der Mitte der Apsis der Sturz des Simon Magus. Zwei Bilder (abgelöst im Museum) erzählen, wie sich die Apostelfürsten mit Simon Magus in einem Wortgefecht befinden und wie sich Petrus vor den Hunden des Gegners dadurch rettet, dass er ihnen geweihtes Brot hinhält.

    Plastischer Schmuck

    Über der vermauerten karolingischen Nordtüre Christus im Wellenberg zwischen dem Täufer und dem Engel, der ein Tuch zum Abtrocknen bereithält. Vereinzelt als karolingisch angesehen, doch eher der Zeit des Bischofs Norbert (11. Jh.) zuzurechnen. Am rechten Ende der Hauptapsis die mehrfach ergänzte romanische Statue Karls des Grossen, errichtet wohl von dem staufenfreundlichen und dem Kloster gewogenen Churer Bischof Egino, nachdem Kaiser Rotbart 1165/66 den Herrscher durch seinen Gegenpapst kanonisieren liess.

    Links vom Hauptaltar das spätgotische Sakramentshäuschen, in dem die Blut-Hostie aufbewahrt wurde. Das Wappen (Pflugscharen) bei der umschützenden Draperie weist auf die Äbtissin Ursula III. von Schlandersberg (1585-1597) hin, die darüber im Stile der Spätrenaissance die Geschichte der Wunder-Hostie malen liess. Erst 1758 errichtete das Kloster dafür eine besondere Kapelle als Ersatz für den karolingischen Südannex. Als dann das Heiligtum 1799 verlorenging, übertrug man 1838 das vielverehrte Marienbild von 1621 aus der alten Pfarrkirche von S. Maria hierher. Dort jetzt auch der Aufsatz des frühbarocken Hochaltars, ein feines Werk des Johann Patsch aus Nauders von 1638: Maria übergibt der hl. Katharina von Siena den Rosenkranz.



    Das Kloster

    Kreuzkapelle

    Am Eingang zum Friedhof steht die Kapelle des HI. Kreuzes, die durch ihre hohen rundbogigen Blendnischen hervorsticht. Der kleeblattförmige Grundriss weist auf die etwa gleichaltrige Vigiliuskirche von Morter im Vintschgau (ca. 1080) hin. Doppelgeschossig wurde die Kirche erst später, worauf zeitlich die Decke mit Flachschnitzerei von 1520 hindeutet.

    Torturm

    Den westlichen Wirtschaftshof schliessen zwei Tortürme ab, aussen rundbogig, innen spitzbogig, aus der Zeit um 1500. Der Südturm zeigt ein interessantes Wandbild, auf rotem Grund einen Esel, der vor einem Junker den Dudelsack bläst, ein Bild der verkehrten Welt. Die drei Figuren in flatternden Gewändern stellen die Immaculata dar, flankiert von St. Benedikt und St. Scholastika, ein Rokokowerk von Christian Greiner (1748). Im Turm selbst liess die Äbtissin Dorothea de Albertis 1676 ein getäfeltes Zimmer einrichten.

    Doppelkapelle St. Ulrich und St. Nikolaus

    Durch die Klosterpforte gelangen wir zunächst in einen erst um 1650 überwölbten Gang (vor der Wohnung des Administrators) und von dort in einen Korridor, dessen Spitzbogenfenster uns einen Blick in den inneren Klosterhof (früher Friedhof) freigeben. Im Nordtrakt das spätgotische Zimmer der Äbtissin Barbara von Castelmur (1510-1534). Dann öffnet sich ein Fenster auf die früher flachgedeckte Nikolauskapelle. Auf dem Altarblatt liess die Äbtissin Ursula V. Karl von Hohenbalken (1639-1666) ihre Namenspatronin St. Ursula zwischen St. Nikolaus und St. Johann Baptista malen. In der unteren Kapelle offenbart das ursprüngliche Kuppelgewölbe des Chores eine bedeutsame romanische Stucco-Verzierung, vier Engelsfiguren in antikisierenden Gewändern und in den Zwickeln die vier Evangelistensymbole. Da Bischof Norbert (t 1088) ein grosser Verehrer des hl. Ulrich war, geht die Anregung zu dieser Doppelkirche auf ihn zurück. Westlich schloss sich ein dreistöckiger Wohnturm mit Annexen an, der frühere «Bischofspalast».

    Neue Bischofswohnung (Fürstenzimmer)

    Die Äbtissin Ursula V. Karl von Hohenbalken errichtete 1642 für ihren Oberhirten und Eigenkirchenherrn eine neue frühbarocke Wohnung. Grossartig wirkt vor allem der Vorraum, an dessen Südwand die Wappen und Schutzheiligen der Klosterfrauen von 1659 angebracht sind. Dazu gesellen sich auch St. Benedikt (mit dem Becher) und St. Scholastika (mit dem Turm). An der Nordwand entdecken wir den schwarzen Doppeladler von Habsburg, dann den roten Tiroler Adler, dazu das prächtige Familienwappen der Trapp (dreifach gebrochener Balken). Diese drei heraldischen Zeichen der Nordwand sind geschichtlich bedingt. Die Vogtei über das Kloster lag in den Händen der Tiroler Herzöge und seit der Mitte des 17. Jh. der kaiserlich-habsburgischen Familie. Ihre Rechte liessen sie aber durch ihre Familie Trapp in der nahen Churburg bei Schluderns ausüben (16.-18. Jh.). Die Ostwand schmücken die Figur des Täufers und das Wappen des Churer Fürstbischofs Johannes VI. Flugi von Aspermont (silberner Querbalken und Schwanenköpfe). Der Raum beherbergt heute die Figuren, die Johann Patsch für den Hochaltar der Kirche oder sonst für das Kloster geschaffen hat (1. Hälfte 17. Jh.). Vom Vorsaal geht die Führung in das getäfelte Zimmer des Bischofs, das sich durch den schönen Erker und das Wappen der Äbtissin Ursula Karl (Schachfiguren) an der Decke auszeichnet. Anschliessend Schlafkammer und Küche der bischöflichen Wohnung.

    Museum

    Den ältesten Teil machen die karolingischen Marmorfragmente aus, so solche von Chorschranken, die nur bis zu den Stützen gingen, indes urtümliche Lindwurm-Motive bieten und einen insularkontinentalen Einfluss dokumentieren. Andere Fragmente, wie Flechtwerke, sind allgemein germanisch, dürften aber in Müstair vom langobardischen Süden inspiriert sein. Wieder andere Stücke wie Spielranken mit Tierköpfen oder Muschelfriese offenbaren spätantike Traditionen. Im Museum sind auch Flügel eines früheren Altares, vielleicht der Kreuzkapelle, verwahrt, von denen der eine die Verkündigung, der andere die Heimsuchung Mariae im Sinne der spielerischen süddeutschen Spätgotik erzählt.

    Norbertraum

    Teil eines älteren und grösseren Raumes, in dem Bischof Norbert (11. Jh.) auf dem Mauerverputz einen kontinuierlichen Malstreifen auftragen liess. Zu erkennen sind an der Ostwand die Taufe Christi (abgelöst), die drei Kreuze (Christus zwischen den zwei Schächern) mit Synagoge und Ecclesia, Maria und Johannes. Anschliessend Kreuzabnahme und das leere Grab (mit Wächter und Engel). Auf der Südwand Himmelfahrt Christi und Hand Gottes über Kreuz.

    P. Dr. Iso Müller

    Literatur: Linus Birchler, Zur karolingischen Architektur und Malerei in Müstair-Münster, in: Frühmittelalterliche Kunst in den Alpenländern. Olten 1954. - Christian Beutler, Bildwerke zwischen Antike und Mittelalter, Düsseldorf 1964. - Beat Brenk, Die romanische Wandmalerei in der Schweiz. Bern 1963. - Ders., Tradition und Neuerung in der christlichen Kunst des ersten Jahrtausends. Studien zur Geschichte des Weltgerichtsbildes, Wien 1966. - G. Brunner, Die heraldischen Denkmäler im Frauenkloster St. Johann. Schweiz. Archiv für Heraldik 1982. S. 9-32. - G. Haseloff, Die frühmittelalterlichen Chorschrankenfragmente in Müstair. Helvetia Archaeologica 1980, Heft 41. - lso Müller, Geschichte des Klosters Müstair. Disentis 1982. - Erwin Poeschel, Die Kunstdenkmäler des Kt. Graubünden 5 (1943) und 7 (1948). - Adolf Reinle, Kunstgeschichte der Schweiz. Frauenfeld 1 (1968). - M. Sennhauser-Girard, Die karolingische Ausmalung der Klosterkirche von Müstair. Basler Dissertation 1966 (unveröffentlicht). - Adolf Weis, Die langobardische Königsbasilika von Brescia. Sigmaringen 1977. - J. Zemp- R. Durrer, Das Kloster St. Johann zu Müstair in Graubünden. Genf 1906-1910. - Sennhauser M., Sennhauser H. R., Rutishauser H., Gubelmann B., Das Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair, Graubünden. Bern 1986.


    Kloster St. Johann Müstair - UNESCO Welterbe

    Kloster St. Johann Müstair - UNESCO Welterbe

    Kloster St. Johann Müstair - UNESCO Welterbe
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