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UNESCO Welterbestätten in der Schweiz Stiftsbibliothek und Stiftsbezirk St. Gallen Sankt Gallen Hauptstadt des schweizerischen Kantons Sankt Gallen, an der Steinach, 69 800 Einwohner; ehem. Benediktinerabtei (Weltkulturerbe seit 1983), Klosteranlage aus dem Barock mit Stiftskirche und Stiftsbibliothek mit wertvoller Manuskriptsammlung; reformierte Kirche St. Mangen (15./16. Jahrhundert), Altstadt mit Erkerhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert; Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften; zahlreiche Museen, Stadttheater; Maschinen- und Apparatebau, Kunststoffherstellung, Textil- und Metallindustrie; Landwirtschaftsmesse. Geschichte: Am Ort der um 612 errichteten Zelle des irischen Wandermönchs Gallus entstand eine Mönchsgemeinschaft, die zum Benediktinerkloster wurde. Die beim Kloster entstandene Siedlung erhielt vor 1170 das Marktrecht. Die Wende zum Aufbau eines frühneuzeitlichen Territorialstaats leitete der Abt U. Rösch ein. 1451 wurde die Fürstabtei, 1454 die Stadt Sankt Gallen Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Die Reformation brachte die konfessionelle Trennung von Abtei und Stadt. Das Kloster wurde zu einem Zentrum der katholischen Reform und erlebte im Barock eine neue Blütezeit. Die Revolutionszeit setzte der fürstäbtlichen Territorialhoheit ein Ende. 1803 wurde Sankt Gallen als neu geschaffener Kanton der Schweiz angefügt. 1805 hob das Parlament des Kantons das Kloster auf. Das Klostergebäude wurde 1836 Bistumssitz. www.wissen.de Stiftsbibliothek und Stiftsbezirk St. Gallen - UNESCO Welterbe Wo heute die barocke Klosterkirche von St. Gallen steht, baute der Mönch Gallus im Jahre 612 für sich eine Zelle, weil er krank war. Wie aus der Zelle des Gallus das Kloster St. Gallen wurde, das beschreibt der Reichenauer Mönch und Dichter Walafried Strabo in seiner Gallus-Vita aus dem Jahre 835. Nach ihr hat 719 - 100 Jahre nach Gallus Tod - der alemannische Priester Otmar am Grab des Heiligen Gallus ein Kloster nach den Regeln des heiligen Benedikt gegründet. Unter dem Schutz von Kaiser und Königen, geleitet von hochbegabten Äbten entwickelte es sich zu einem bedeutenden geistigen Zentrum des europäischen Abendlandes. Höhepunkt war das sogenannte Goldene Zeitalter vom 9. bis zum 10. Jahrhundert. Das Stiftsarchiv verwahrt an die 800 Urkunden über Schenkungen von Wohltätern aus der Zeit von 740 - 960. Die schönsten Handschriften aus dieser frühen Zeit hütet die Stiftsbibliothek. Fast von Anfang an besass das Kloster eine Bibliothek, Bücher wurden für die Liturgie und die Wissenschaft gesammelt, abgeschrieben, neu zusammengestellt, denn Gebet und Studium gehörten zusammen. Die Stiftsbibliothek zählt 150.000 Bände, ihr wahrer Schatz aber ruht im Manuskriptenkabinett. Rund 2000 Handschriften werden hier aufbewahrt. Mehr als 400 von ihnen über 1000 Jahre alt. Sie bezeugen, dass das Kloster die Kultur Europas entscheidend mitgeprägt hat. Etwas ganz Besonderes sind die irisch-keltischen Handschriften. Zwar sind viele von ihnen verloren gegangen, dennoch ist die Sammlung eine der bedeutendsten der Welt. Unschätzbar auch das Lateinisch- Deutsche Wörterbuch, entstanden um das Jahr 790. Es ist das älteste deutsche Buch überhaupt. 926 überfielen die Ungarn St. Gallen, das goldenes Zeitalter endete. 11 Jahre später erlitt das Kloster schweren Schaden durch ein verheerendes Feuer. Doch das Kloster erholte sich und erlebte im 11. Jahrhundert eine zweite Blüte: sein Silbernes Zeitalter. In der Reformation wurde die Stadt St. Gallen unter Führung von Vadian protestantisch. 1529 stürmten die Bürger das Kloster, die Mönche flohen. Drei Jahre später kehrten sie zurück und bauten ab 1755 die Klosterkirche und die Bibliothek neu auf - seither hütet sie in ihrem barocken Prachtgewand - einer Schatulle gleich - den mittelalterlichen Schatz, der nunmehr der ganzen Welt gehört. Die Stiftsbibliothek und der Stiftsbezirk St. Gallen wurden anlässlich der Sitzung des Welterbekomitees vom 5. bis 9. Dezember 1983 in Florenz (Italien) in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Im Spannungsfeld der Macht Die Schweiz war noch nicht geboren, als der irische Wandermönch Gallus sich mit einigen Brüdern auf den Weg gen Süden machte. Im voralpinen Steinachtal zwischen Bodensee und Säntis hatte er einen Traum. Die wilde Natur verwandelte sich plötzlich in steinerne Türme und die weichen, grünen Moospelze in Plätze, auf denen viele Menschen durcheinander hasteten. Der Ort erschien ihm günstig, und er errichtete 612 eine Einsiedelei mit einem Bethaus aus Holz und dazugehörigen Schlafstätten für die frommen Brüder. Gut ein Jahrhundert später übernahm der Alemanne Otmar als erster St. Galler Abt die Leitung der Brüdergemeinde und führte die Benediktinerregeln ein. Die Mönche beschränkten sich nicht auf das Gebet, sondern arbeiteten ihrem Regelbuch gemäss hart, bestellten das Land, erwarben umliegende Ländereien, gründeten Städte, trieben regen Handel, erhoben Zölle und prägten ihre eigenen Münzen. Der Erfolg der Benediktiner zog immer mehr Mönche in das Voralpental, in dem nach und nach ein Zentrum abendländischer Wissenschaft und Kultur entstand. Die Stiftsbibliothek, mit dem Überschwang des verspielten Rokoko gestaltet, gibt Auskunft über den Geist und den Wirkungskreis des Klosters: 130 000 Bücher, teils kunstvoll in Gold- und Elfenbeintafeln gebunden, darunter 1650 frühe Drucke. Der italienische Autor Umberto Eco, der im Namen der Rose den Abgründen klösterlichen Lebens auf der Spur war, hätte seine Freude an diesem riesigen Konservatorium des Wissens. Doch Erfolg und Macht schwächen, und jeder übermütige Sieger arbeitet an seinem Untergang. Die Klosterdisziplin liess nach, die Äbte trugen teilweise nicht einmal mehr ihr Mönchsgewand. Obwohl die Benediktinerregel Abkehr vom weltlichen Leben und Einfachheit forderte, lebten die Äbte statt in Bescheidenheit in Saus und Braus, liessen sich auf politisches Ränkespiel ein, erwarben den Fürstentitel und schufen sich sowohl im bischöflichen Konstanz als auch bei dem unter klösterlichem Einfluss stehenden Bürgertum der Stadt mächtige Rivalen. Die wohl bitterste Niederlage erlebte das Kloster mit der Einführung der Reformation in St. Gallen. Nun gingen Kloster und Stadt auf Distanz. Um ihre Rechts- und Güterverhältnisse sichtbar zu regeln, zogen sie zwischen Stiftsbezirk und Stadt eine Trennmauer. Damit der Abt das Kloster verlassen konnte, ohne St. Gallen betreten zu müssen, bekam er ein eigenes Tor, das Karlstor mit monumentalem Sandsteinrelief, das einzige der acht Tore, das bis heute erhalten ist. Im 18. Jahrhundert, mit einer neuen Blütezeit im Barock, setzte eine atemberaubende Prunkentfaltung ein. Innerhalb von elf Jahren schoss die doppeltürmige Kathedrale als zum Himmel weisende Mahnung aus dem Boden. Mit dem Turmpaar und der hervorquellenden Chorfront auf dem Vorplatz verkörpert ihre Fassade Kraft und Strenge. Im Innern gehen Sandstein und Holzwerk eine feierliche Verbindung ein. Der pompöse Hochaltar prahlt, Stuckaturen züngeln in die Gewölbe, und figurenreiche Gemälde hängen voller Pathos unter dem Deckenhimmel. Neben all den Reliefs, Büsten und Statuen bilden die kunstvoll geschnitzten Beichtstühle und das Chorgestühl aus Nussbaum den Glanzpunkt der Dekoration. Während im Kloster die Äbte am Ausbau der feudalen Macht und ihrer architektonischen Ausdrucksform feilten, veränderte sich draussen die Welt. Die Französische Revolution erreichte St. Gallen, und auch hier wurden alte Autoritäten und Ordnungen in Frage gestellt. Mit aller Gewalt stemmten sich die Äbte gegen die neuen Mächte, konnten jedoch die Auflösung des Klosters 1805 nicht verhindern. Die Trennmauer wurde abgebrochen. Nachdem der Spuk der Revolution verschwunden war, wurde mit Aussicht auf ein selbständiges Bistum der Klosterkomplex mit der heutigen Hufeisenform errichtet. Die alten Gegensätze zeigen sich heute im Klosterkomplex vereint: Die Kantonsregierung residiert im Osttrakt der einstigen Benediktinerabtei, die Wohnräume des Abtes hat ein Bischof übernommen. Beate Schümann M. A., Jg. 1955, Historikerin mit dem Schwerpunkt Lateinamerikanistik, Tätigkeit als freie Journalistin und Buchautorin, Veröffentlichungen u. a. zu Spanien und Portugal ![]() |